Revolutionen ereignen sich, wenn sich die Menschen radikal von ihren politischen Eliten abwenden und einen neuen Weg suchen. In diesem Sinne ist die Massenwanderung, die wir gegenwärtig erleben, eine wahrhaftige Revolution. Wer aufbricht, der sagt "Nein!" zu einem real existierenden herrschenden System, sei es nun der grauenhafte Bürgerkrieg in Syrien, sei es der Endloskrieg in Afghanistan, sei es der von Korruption gezeichnete Alltag in einem afrikanischen Land. Dieses: "Nein!" ist unwiderruflich. Es ist endgültig.

In der Heimat gibt es niemanden mehr, dem der Migrant zutraut, die Dinge zum Besseren wenden zu können. Er glaubt an keine Versprechungen mehr, die ihm dort gemacht werden. Niemand kann ihn mehr überzeugen, kein Sozialist, kein Nationalist, kein Demokrat, kein Islamist.

Der Migrant ist ein desillusionierter Revolutionär, doch er ist nicht ohne Hoffnung. Darum steigt er in ein Boot und kommt nach Europa. Die Abwendung von den Zuständen ist so radikal, dass er sein Leben riskiert.

Es ist nicht nur die große Zahl der Migranten und Flüchtlinge, welche die Europäer erschreckt, es ist auch das Gewicht ihrer Hoffnungen. Plötzlich entdecken die Europäer, dass sie für Millionen Menschen der einzige, wahre Sehnsuchtsort geworden sind, in einem sehr konkreten Sinne.

Ihr Kontinent ist die Wirklichkeit gewordene Utopie, die einzig verbliebene. Der Migrant ist zwar ein Revolutionär, er kommt aber nicht, um in Europa die Verhältnisse umzustürzen. Er setzt die Ideale Europas einem Wirklichkeitstest aus. Wie ist es nun mit euren Versprechen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit? Gelten sie auch für uns? Das allerdings ist eine Frage von revolutionärer Qualität.

Wo es eine Revolution gibt, da ist die Konterrevolution nicht weit. Die rechtspopulistischen Parteien sind ihre Agenten, die Grenzschließungen ihre Etappensiege. Zwischen Revolution und Konterrevolution droht die Mitte zermalmt zu werden. Diese Mitte lehnt totale Grenzschließung ab, sagt aber: "Ja!" zum grundsätzlichen Wert und zur Bedeutung von Grenzen für das Zusammenleben von Menschen. 

Diese Mitte bekennt sich weiter zu den europäischen Werten, weiß aber, dass sie Zeit brauchen zu ihrer Entfaltung. Sie weiß: Um einen Wagen unfallfrei zu steuern, muss man auch auf die Bremse steigen können. Revolution wie Konterrevolution sind hingegen Hochgeschwindigkeitsphänomene. Sie hassen Langsamkeit. Sie lieben das Tempo. Sie verachten die Rede und dürsten nach Taten.

Derzeit sieht es ganz nach einer weiteren Beschleunigung der Ereignisse aus. Diesmal geht sie nicht von der Türkei aus, sondern von Libyen. An Italiens Küsten sind innerhalb zweier Tage 6.000 Menschen angekommen. Wenn das Wetter nach und nach besser wird, werden vermutlich Hunderttausende landen.

Die Konterrevolution hat bereits Maßnahmen ergriffen: Österreich ist bereit, den Brennerpass zu schließen. Geht der Brenner zu, ist es mehr als nur ein Etappensieg der Konterrevolutionäre. Es könnte der Sargnagel für die Europäische Union sein.

Könnte, denn es ist immer noch Zeit, diese Katastrophe abzuwenden. Dazu braucht es allerdings ein klares Bekenntnis zur EU, die weit davon entfernt ist perfekt zu sein, aber doch besser ist als die Alternativen, die sich derzeit am Horizont abzeichnen.
Die EU ist die Mitte, die wir so dringend brauchen.