Vielleicht hätte man einen wie ihn gerade jetzt, im neuen Kalten Krieg mit Russland, als Chefdiplomaten wieder gut gebrauchen können. Denn in seiner Zeit an der Spitze des Auswärtigen Amtes von 1974 bis 1992 war Hans-Dietrich Genscher ein Entspannungspolitiker par excellence: einer, der selbst mit den härtesten Gegenspielern im Kreml und andernorts so lange verhandelte, bis man sich auf eine für beide Seiten tragbare Lösung verständigte.

Dem diplomatischen Vielflieger trug das seinerzeit den Ruf ein, äußerst pragmatisch und erfolgreich, aber auch anpassungsbereit bis zur Prinzipienlosigkeit zu sein. Spötter prägten dafür einen eigenen Begriff: "genschern". Er selbst jedoch sah in der Zeit der Blockkonfrontation in einer solchen betont realistischen und flexiblen Außenpolitik die einzige Möglichkeit für die Bundesrepublik, ihre Ziele und Interessen auch gegenüber Moskau und seinen Verbündeten durchzusetzen.

Den Höhepunkt seiner Amtszeit als Bonner Chefdiplomat erlebte er während des epochalen Umbruchs von 1989/90. Gemeinsam mit Helmut Kohl rang Genscher dem letzten sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow und dessen Außenminister Eduard Schewardnadse, ebenso wie den Verbündeten im Westen, die Zustimmung zur deutschen Wiedereinigung ab, und er handelte bei den 2+4-Gesprächen die äußeren Bedingungen dafür aus. Für ihn als gebürtigen Hallenser, der 1952 in die Bundesrepublik übergesiedelt war und der immer unter der Teilung gelitten hatte, war das auch persönlich ein historischer Glücksmoment.

Früherer Außenminister - Genscher trat für eine Welt ohne Atomwaffen ein In den vergangenen Jahren sprach sich der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher immer wieder gegen Atomwaffen aus. Ein Ausschnitt eines Gesprächs mit Genscher, Richard von Weizsäcker und ZEIT-Korrespondent Matthias Naß aus dem Jahr 2009

Seinen eigenen historischen Augenblick hatte er allerdings schon kurz vorher, im September 1989, gehabt. Da konnte er Tausenden DDR-Flüchtlingen in der deutschen Botschaft in Prag im wohl berühmtesten unvollendeten Satz der Geschichte verkünden, dass sie in den Westen ausreisen durften.

Nach dem Ende des Kalten Kriegs war seine Art der Außenpolitik indes bald vorbei. Für die neue, unübersichtlichere Ära ohne klare globale Ordnung und mit vielfältigen Akteuren fehlte ihm erkennbar der politische Kompass. Insbesondere während der heraufziehenden Konflikte beim Zerfall Jugoslawiens ließ er das notwendige diplomatische Geschick vermissen. Manche warfen ihm lange vor, durch die rasche Anerkennung Kroatiens und Sloweniens für die Kriege auf dem Balkan mitverantwortlich gewesen zu sein.

Im Mai 1992 trat Genscher schließlich zurück, bevor sein eigenes politisches Denkmal wie später bei Kohl ins Wanken geraten konnte – nach 18 Jahren als Außen- und insgesamt 23 Jahren als Bundesminister, so lange wie kein Politiker vor und nach ihm. Aber auch danach meldete er sich immer wieder zu Wort.

Neben der deutschen Außenpolitik prägte Genscher für sehr lange Zeit die FDP, von 1974 bis 1985 als Vorsitzender und danach als ihre graue Eminenz. In seiner Zeit als Parteichef legte er allerdings bereits die Wurzeln für Probleme, die der FDP später zu schaffen machen sollten und 2013 schließlich in ihrem (vorläufigen) parlamentarischen Aus auf Bundesebene mündeten. 1969 hatte er zu denjenigen gehört, die die FDP in die sozialliberale Koalition führten, der Beginn einer neuen, erfolgreichen Zeit der Liberalen. Später bereitete er jedoch auch den Wechsel zur CDU unter Kohl vor, was die Partei an den Rand der Spaltung brachte. Fortan war die FDP nicht viel mehr als ein Anhängsel der Union und nicht selten von deren Leihstimmen abhängig, um politisch zu überleben.

Unter seinen Nachfolgern an der Parteispitze setzte sich dieser Kurs fort. Guido Westerwelle, der wie schon Jürgen Möllemann zu seinen schillernden Zöglingen zählte, betonte zwar später lautstark die Eigenständigkeit der FDP, und er führte die Partei 2009 zu ihrem größten Wahlerfolg. Das war aber zugleich der Anfang vom Ende, den auch Genscher als Ehrenvorsitzender nicht verhindern konnte. Und in gewissem Sinne sein spätes politisches Erbe.

Genscher hat es allerdings fast immer meisterlich geschafft, solche Misserfolge von sich fern zu halten. Stattdessen stilisierte er sich früh zur eigenen Marke – mit seinen prägnanten großen Ohren, seiner unermüdlichen Reisetätigkeit und seinen unvermeidlichen gelben Pullundern. Als dieses Markenzeichen seiner selbst hat er seine aktive Zeit lange überlebt. Seine politische Bilanz bleibt jedoch, trotz aller Verdienste um die deutsche Einheit, gemischt.

Am 1. April 2016 ist Hans-Dietrich Genscher im Alter von 89 Jahren an Herz-Kreislauf-Versagen gestorben.

Früherer Außenminister - Genscher hoffte auf eine "neue FDP" im Bundestag 2017 Der verstorbene Außenminister und FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher hielt Christian Lindner für den richtigen neuen Parteichef und riet, sich zur SPD zu öffnen. Ein Ausschnitt eines ZEIT-Gesprächs zur Bundestagswahl 2013