Als ich vor mehr als 15 Jahren von Bonn nach Berlin zog, freundete ich mich mit einer Nachbarin an, die ein schönes, sehr interessantes Leben führte, obwohl sie seit Längerem arbeitslos war. In der Nachwendezeit hatte sie, eine damals sechzigjährige Ostdeutsche, beruflich nicht wirklich Fuß fassen können. Aber dank eines alten Mietvertrages aus DDR-Zeiten wohnte sie sehr günstig in einer großen, hellen Altbauwohnung. Sie besuchte viele Vernissagen, Konzerte und Filmpremieren, für die kein Eintritt verlangt wurde (zumindest nicht von ihr), und wusste immer genau, wo man in Berlin für wenig Geld gut essen, einkaufen oder ausgehen konnte. Ihr Bekanntenkreis war beeindruckend.

Heute gäbe es ihr Lebensmodell nicht mehr. Damals, Ende der neunziger Jahre, waren die Hartz-Reformen noch nicht in Kraft. Arbeitslose mussten sich nicht ständig bewerben, qualifizieren, bei Ämtern zum Gespräch erscheinen oder in Ein-Euro-Jobs engagieren. Damals gab es Menschen, die zwar Geld hatten, aber wenig Zeit, und andere, die viel Zeit hatten, aber weniger Geld: Arbeitslose, Studenten, Rentner, ein Teil der Hausfrauen.

Heute gibt es nicht nur weniger Menschen mit viel Zeit, es gibt gleichzeitig mehr Möglichkeiten, Zeit zu kaufen. Wer zum Beispiel beim Bürgeramt besonders schnell einen Führerschein bekommen möchte, zahlt einen Expresszuschlag. Wer am Flughafen nicht lange in der Schlange des Billigfliegers warten will, zahlt für speedy boarding. Außerdem gibt es jede Menge Dienstleistungen für Zeitarme, neben Steuerberatern und Taxifahrern vielerlei Essenslieferanten, Hundesitter und vor allem viele Angebote für Eltern. Früher mussten sich Frauen häufig zwischen Kindern und Karriere entscheiden. Heute ist es für manche Chefin dank Nanny, Urlaubsreisen mit Kinderbetreuung und Geld für Onlineshopping einfacher, sich um Kind und Job gut zu kümmern, als für ihre Untergebenen. Wer hat es wohl leichter, eine gute Mutter zu sein: die Filialleiterin eines Supermarktes oder ihre Kassiererin, die bis zwanzig Uhr an der Kasse sitzen muss?

Heute ist vieles käuflich, was vor 20 oder 30 Jahren gar nicht oder nur in engen Grenzen für Geld zu haben war: Zeit, Schönheit, Gesundheit, Fortpflanzungsmöglichkeiten, sogar ein lächelndes Gesicht, in das ein einsamer Pflegebedürftiger nach dem Aufwachen schauen kann.

Leider blenden viele Ökonomen diese Tatsache aus, wenn sie über die steigende soziale Ungleichheit in Deutschland streiten. Spätestens seit Marcel Fratzscher, der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, kürzlich ein Buch über die steigende Ungleichheit in Deutschland veröffentlichte, wird viel darüber debattiert, wie relevant die zunehmenden Einkommensdifferenzen sind. Die Bruttoeinkommen der Deutschen seien sehr ungleich, die Nettoeinkommen aber nicht, argumentieren nun einige. Kein Grund zur Sorge also, denn das bedeute, dass die staatliche Einkommensumverteilung in Deutschland funktioniert. Nun müsse bloß noch stärker auf die gerechte Verteilung von Chancen geachtet werden. Andere glauben, dass Ungleichheit eine wichtige Voraussetzung für eine funktionierende Wirtschaft ist, weil sie Tüchtige ansporne, zu mehr Wachstum führe und so am Ende allen nütze.

Diese Gedanken sind nicht falsch, nur unvollständig. Es fehlt die Unterscheidung zwischen der objektiven, messbaren Ungleichheit und der gefühlten, die für den politischen Zusammenhalt im Land und für die Zufriedenheit der Bürger nicht weniger wichtig ist. Es mag richtig sein, dass die Nettoeinkommen der Bürger heute nicht viel weiter auseinanderklaffen als in den Siebzigerjahren. Aber weil man so viel mehr mit Geld erreichen kann als früher,  sind auch kleine Gehaltsdifferenzen wichtiger, als sie einst waren.

Geld mache nicht glücklich, heißt es. Allzu offensiver Materialismus war und ist in Deutschland verpönt, in Umfragen behaupten immer mehr Menschen, Besitz weniger wichtig zu finden als Freizeit, Freundschaften, Familie. All das ist kein Grund, Einkommensungleichheiten weniger wichtig zu nehmen, im Gegenteil.

Meine Freundin ist inzwischen übrigens Rentnerin. Sie hat weniger Zeit als früher. Wie eine steigende Zahl von Ruheständlern hat sie einen sehr anspruchsvollen Nebenjob. Auch das Rentnerleben ist stressiger als früher.