Timothy Moss © Timothy Moss

Timothy Moss, 57, Professor für Städtische Infrastruktur

Ich lebe seit 30 Jahren in Deutschland und darf deshalb nicht abstimmen. Jeder Brite, der länger als 15 Jahre im Ausland lebt, verliert das Wahlrecht dort. Es ärgert mich sehr, bei diesem wichtigen Referendum keine Stimme zu haben.

Als Historiker empfinde ich die Vorstellung eines Brexits als absoluten Albtraum für Europa – und für Großbritannien. Leider interessiert sich die britische Öffentlichkeit nur wenig dafür, wie viel die EU für den Frieden auf dem Kontinent getan hat und heute noch tut. Britische Politiker haben es schon seit Jahren versäumt, die Vorteile der EU in den Vordergrund zu stellen. Dies jetzt aus der Not zu tun wirkt nicht besonders glaubwürdig.

Alles, was noch zieht in der Bevölkerung, sind ökonomische Argumente: Ohne die EU stehen wir wirtschaftlich schlechter da – so die einfache Parole der Brexit-Gegner. Dabei ist das längst nicht alles. Ich forsche zur Umweltpolitik und dort findet man die besten Beispiele dafür, was die EU für Großbritannien getan hat. Ohne die Union hätten wir heute nicht so gute Umweltstandards. Man muss sich nur mal die EU-Wasserrahmenrichtlinie anschauen, da hat die EU ein hervorragendes Instrument zur Verbesserung der Gewässerqualität geschaffen. Im Falle eines Brexits, fürchte ich, könnten viele solcher guten Richtlinien infrage gestellt werden – vor allem wenn es bei der aktuellen Regierung bleibt.

Für meine eigene Karriere als Wissenschaftler waren EU-Projekte sehr prägend. Ich arbeite seit 23 Jahren an deutschen Forschungseinrichtungen und habe selbst drei EU-Projekte koordiniert. Das hat mir und meinen Kolleginnen und Kollegen ermöglicht, mit anderen europäischen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zusammenzuarbeiten und ganz neue Perspektiven zu generieren. In der Wissenschaft sind Internationalität und Mobilität inzwischen extrem wichtig: Man muss global anschlussfähig sein, um Karriere zu machen. Nun würde ein Brexit sicherlich nicht zur Verabschiedung Großbritanniens aus der europäischen Forschungsgemeinschaft führen. Aber ich sehe Probleme bei der Finanzierung neuer Partnerschaften mit britischer Beteiligung, ob europaweit oder bilateral. Inwieweit Großbritannien die europäische Forschungspolitik künftig mitbestimmen könnte, wäre auch fraglich. Dies wäre für britische Universitäten fatal.

Eigentlich habe ich vor, in Deutschland zu bleiben, aber ich möchte die Option haben, mich frei in beiden Ländern zu bewegen. Es nervt mich ganz schön, dass ich jetzt dazu gezwungen werde, mir die Frage nach meinem Aufenthaltsort überhaupt zu stellen. Was ein Brexit tatsächlich für Folgen hätte, können wir noch nicht wissen: Die Bedingungen eines Ausscheidens wären noch auszuhandeln. Eines ist aber klar: Deutlich schwieriger für alle Expats wäre es auf jeden Fall.