England ist gespalten: Die eine Hälfte seiner Bürger will die EU verlassen, die andere will bleiben. Dieser Riss geht besonders tief. Er trennt Kulturen. Das Referendum über den Austritt aus der Europäischen Union offenbart einen Graben durch das Land, der sonst verborgen bleibt. 

Normalerweise lassen sich die Ansichten über die meisten Themen auf der Insel nicht so einfach nach politischen Lagern sortieren, sagt Peter Kellner, bis vor kurzem Präsident des Umfrageinstituts YouGov und einer der prominentesten britischen Erkunder von Meinungen. Jung und Alt, Berufstätige mit Universitätsabschluss und Arbeitslose ohne mittlere Reife sind sich ebenso oft einig wie uneinig, wenn es um Steuern, Gesundheitswesen oder Sozialleistungen geht. Europa aber sei anders, schrieb Kellner. "Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen den Menschen, die Britannien in der EU halten, und denen, die den Brexit wollen."

YouGov hat 16.000 Briten nicht nur nach ihrer Meinung zur EU befragt, sondern auch nach ihrem Alter, ihrem Bildungsabschluss, ihrer parteipolitischen Neigung und ihrer Zeitungslektüre. Zum letzten Punkt muss man wissen: Die britischen Blätter bedeuten für ihre Leser eine politische Heimat, viel stärker als die deutschen Zeitungen. Der Guardian und die Boulevardzeitung Mirror stehen links, der Telegraph und die Boulevardblätter Express, Sun und Daily Mail rechts. Nur die Times befindet sich unentschieden dazwischen. Sie hatte starke Sympathien für Tony Blairs New Labour und zögert seitdem, eine klare Position zu beziehen.

Die Umfragen laufen schon ebenso lange wie die zunehmend bitteren Kampagnen der Brexit-Gegner und -Befürworter. Unter den 16.000 von YouGov befragten Briten war rund die Hälfte für, die andere gegen den Austritt aus der EU. Und diesmal ließ die Haltung sich relativ eindeutig mit anderen Faktoren in Verbindung bringen.

Je jünger und besser gebildet, desto eher pro EU

Sie stand in engem Zusammenhang mit Alter, Bildung und politischer Einstellung. Je jünger, besser ausgebildet und linker die Befragten waren, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie für den Verbleib in der EU stimmten. Umgekehrt finden sich zunehmend mehr Brexit-Befürworter, je älter, schlechter ausgebildet und konservativer die Gruppe der Befragten ist.

Unter Guardian-Lesern, die nicht nur links sind, sondern meist einer gebildeten Mittelschicht angehören, offenbarten sich 91 Prozent der Befragten als EU-Anhänger. Umgekehrt bekannten sich 97 Prozent derjenigen zum Brexit, die zugleich angaben, die britische Unabhängigkeitspartei Ukip zu unterstützen. Ukip-Anhänger entstammen zum großen Teil den untere sozialen Schichten, haben einen niedrigen Schulabschluss und gehören zur älteren Bevölkerung.

73 Prozent der 18-24-Jährigen wollen bleiben, 63 Prozent der über 60-Jährigen gehen. 62 Prozent der obersten sozialen Schichten sind für den Verbleib in der Europäischen Union, 60 Prozent der unteren sozialen Schichten dagegen. 70 Prozent der Uniabsolventen sind für die EU, 68 Prozent derjenigen, die höchstens die mittlere Reife haben, dagegen. Und so weiter. Bildung und Sozialstatus scheint zudem in einem stärkeren Zusammenhang mit der Haltung zur EU zu stehen als die Zeitungslektüre: Leser des eigentlich linken Mirror und der schottischen Entsprechung Daily Record wollen mehrheitlich (54 Prozent) den Austritt.

Die Frage nach den Gründen

Die Frage ist nur: Warum ist das so? Sind die Vorzüge der EU so schwierig zu verstehen, dass nur Bürger mit einer höheren Schulbildung sie begreifen? Sind diejenigen, die die EU ablehnen, tatsächlich einfach zu ungebildet? Oder ist es so, wie oft behauptet wird, dass diejenigen mit besserer Bildung und höherem Sozialstatus zu den Gewinnern der Globalisierung gehören und darum mit Freude sich weltoffen geben, während auf der anderen Seite die Verlierer offener Grenzen mit ihrer geringen Bildung in schlecht bezahlten Jobs fürchten, von EU-Einwanderern verdrängt zu werden, und deshalb für den Brexit stimmen?

Vielleicht aber hat die jüngere Generation einfach den engstirnigen Nationalismus überwunden, dem die ältere noch verfallen sind? Oder sind im Gegenteil die Kids noch zu naiv, um den Schaden zu erkennen, den die EU in Großbritannien anrichtet? Während die Älteren mit ihren unsicheren Renten oder Jobs in von europäischen Regulierungen strangulierten Kleinunternehmen den Durchblick haben?