Als Peter Kellner am Abend des britischen EU-Referendums ins Bett ging, war er sich seiner Prognose noch sicher. Bis März war er Präsident des Umfrageinstituts YouGov, nun hatte der Umfrageexperte seine Einschätzung kurz zuvor via Twitter in die Welt gesetzt: Großbritannien werde ganz sicher in der EU bleiben.  Zwischen 54 bis 55 Prozent der Wähler würden gegen den Brexit stimmen, schrieb Kellner. Das sagten die Umfragezahlen, die dem Fachmann vorlagen.

Schon am nächsten Morgen musste Kellner zugeben, dass er sich gewaltig geirrt hatte. Dass der Brexit nun wider Erwarten eintrete, sei nicht nur schlecht für die Briten, sondern auch ein "ein schlechtes Ergebnis" für die Demoskopen.


Kellner war mit seiner Fehleinschätzung nicht allein. Fast alle Meinungsforschungsinstitute hatten bis kurz vor dem Referendum vorhergesagt, dass eine Mehrheit der Bürger gegen den Austritt stimmen werde (von zehn Instituten sagten lediglich Opinium und TNS in ihrer letzten Umfrage die Tendenz zum Brexit vorher). Auch die britischen Buchmacher hatten die Wahrscheinlichkeit eines Brexit auf lediglich 25 Prozent geschätzt. Viele Bürger hatten den Prognosen der Wettanbieter diesmal mehr getraut, weil diese in der Vergangenheit besser gelegen hatten als die Demoskopen. Fast alle britischen Meinungsforschungsinstitute hatten auf der Insel bereits zuvor versagt: vor der letzten Unterhauswahl kündigten sie ein knappes Rennen und einen Sieg der Labourpartei an – heraus kam tatsächlich die absolute Mehrheit der Tories.

Die Krise der Meinungsforscher ist allerdings kein britisches Phänomen. Auch in Deutschland machen die Demoskopen seit dem Aufkommen der rechtspopulistischen AfD häufiger Fehler. Vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg sahen sie nicht voraus, dass sogar treue Wähler der Grünen ins rechtspopulistische Lager wechseln wollten (siehe Grafik). Während der Wahl in Sachsen-Anhalt unterschätzten die Demoskopen den Stimmenanteil der AfD um satte sechs Prozent.

Wählerwanderungen in Baden-Württemberg

So änderte sich das Stimmverhalten bei der Landtagswahl 2016 im Vergleich zu 2011

Die jüngsten Fehleinschätzungen werfen Fragen auf: Können die Demoskopen mit ihren bisherigen Methoden mit den Veränderungen der politischen Landschaft und des populistischen Diskurses noch Schritt halten?  Und grundsätzlicher: Wie konnte es zu der Krise der Meinungsforscher kommen?

Eine These lautet: Der Aufstieg der Rechtspopulisten in Europa und in den USA folgt nicht mehr den alten Regeln. Bisher konnten die Statistiker von mehr oder weniger stabilen politischen Lagern ausgehen. Doch schon Donald Trumps Erfolg im Rennen um die republikanische Präsidentschaftskandidatur folgt nicht mehr den alten Mustern.

Der amerikanische Demoskopie-Star Nate Silver hält das für ein ernstes Problem. Silver, der noch im letzten Präsidentschaftswahlkampf (bis auf einen) alle Bundestaaten korrekt vorhergesehen hatte, entschuldigte sich zuletzt, dass die Demoskopen im Fall von Trump derart daneben gelegen hätten. Der Aufstieg Trumps, so Silver, sei ein singuläres Phänomen, das schwerer zu prognostizieren sei. Das EU-Referendum mit einem extrem populistisch geprägten Wahlkampf, der die Wählerinnen und Wähler aus allen politischen Lagern entwurzeln konnte und mitriss, gehörte in eine ähnliche Kategorie einzigartiger, politischer Ereignisse. Die bisherigen statistischen Methoden stoßen hier an ihre Grenzen.

Hinzu kommt, dass sich die Kommunikationsmethoden verändert haben. Früher haben die Institute anhand von stichprobenartigen Telefonbefragungen versucht, einen Querschnitt der Bevölkerung zu erreichen. Mittlerweile hingegen erreicht man einen Großteil der jüngeren Generation über das Festnetz nicht mehr. Onlinebefragungen könnten helfen. Doch beim EU-Referendum der Briten waren diese Vorhersagen auch kaum besser.   

Gut möglich also, dass es falsch ist, die Umfragemethoden als zentrale Quelle für falsche Vorhersagen verantwortlich zumachen. Noch mehr als bisher entscheiden die Methoden der Hochrechnung über die Qualität der Prognosen. Bisher konnten die Meinungsforscher die Tendenz der Wähler etwas einschätzen, indem sie den bisherigen Status Quo zum Maßstab nahmen. Im Zeitalter des neuen Populismus und erodierender Parteilager bräuchte es einen korrigierenden Faktor, der dem neuen Wählerverhalten Rechnung trägt. Ein nicht geringer Anteil der Wählerinnen und Wähler scheint derzeit allein schon aus Prinzip gegen bisher etablierte gesellschaftliche Vernunftsnormen abzustimmen. Dies gälte es in die Methoden einzurechnen.

Auch müsste berücksichtigt werden, dass es keine gleichförmigen Wahlkampfkampagnen mehr gibt. Nicht nur die populistischen Lager bombardieren die Öffentlichkeit mit immer neuen provokanten Aktionen, um gehört zu werden. Die Ausschläge auf den Umfragekurven sind größer denn je. Wir stehen nicht nur in der Politik vor einem Paradigmenwechsel, sondern auch in der Demoskopie.

Korrekturhinweis: Fälschlicherweise hatten wir in diesem Artikel zunächst geschrieben, dass Peter Kellner Präsident des Umfrageinstituts YouGov sei. Diesen Posten hatte er allerdings nur bis Ende März 2016 inne. Dies wurde im Artikel korrigiert. Zusätzlich zu den Vorhersagen bei den britischen Unterhauswahlen hatten wir auch die Umfragen zum Schottischen Unabhängigkeitsreferendum als Negativbeispiel genannt. Nach einer erneuten Prüfung der  Zahlen hat sich gezeigt, dass diese jedoch nicht als Beispiel tauglich sind und haben diesen Hinweis daher entfernt. (sv)