Es gibt ein isländisches Gedicht, das geht ungefähr so: "Wenn alles gesagt wurde / wenn die Probleme der Welt / zerlegt, diskutiert und festgezurrt wurden – dann kommt eine Frau / den Tisch zu räumen / den Boden zu wischen und die Fenster zu öffnen / um den Zigarrenrauch rauszulassen."

Wenn Männer also Chaos gestiftet haben, das ist die Logik, dann müssen Trümmerfrauen her. So erklären viele Beobachter den Aufstieg europäischer Spitzenpolitikerinnen. Die künftige britische Premierministerin Theresa May ist das jüngste Beispiel. Nach dem Brexit hatte sich Mays Parteikollegin und Wirtschaftsministerin Anna Soubry sogar für die Lage der Nation entschuldigt und eine Frau an der Spitze gefordert. Soubrys Begründung: "Wir haben genug von diesen chaotischen Jungs."

Frauen, die aufräumen, weil Männer Mist gebaut haben – so einfach ist es laut der Marburger Demokratieforscherin Ursula Birsl aber nicht. Nicht nur die Trümmerfrauen aus der Nachkriegszeit seien ein Mythos. Auch die "politische Trümmerfrau" gebe es nicht.

Europaweites Phänomen

Schließlich ist es auffällig, dass sich vor allem Hardlinerinnen durchsetzen. May gilt zwar als fortschrittlich und liberal, positioniert sich aber in Menschenrechts- und Immigrationsfragen konservativer als manch ausgewiesener Konservativer. Die Priestertochter schaffte beispielsweise zweijährige Visa für ausländische Uniabsolventen ab, führte eine Art Gesundheitsgebühr für ausländische Arbeitnehmer ein und will nur Flüchtlingen im Nahen Osten, nicht aber in Europa helfen. Auch jüngst löste May parteiübergreifend Empörung aus, weil sie sich gegen die Europäische Menschenrechtskonvention aussprach und kein Bleiberecht für EU-Bürger garantieren wollte.

In anderen europäischen Ländern haben sich ebenso Frauen mit harscher Antiimmigrationspolitik profiliert. In Polen regiert seit 2015 Beata Szydło von der nationalkonservativen PiS-Partei, und wenn in Frankreich morgen Präsidentschaftswahl wäre, dann könnte Marine Le Pen vom Front National noch vor François Hollande liegen.

In zweiter Reihe warten viele weitere konservative bis rechtspopulistische Frauen auf ihren großen Moment. Die norwegische Finanzministerin Siv Jensen ist zugleich Vorsitzende der rechtspopulistischen Fortschrittspartei, in Dänemark führt Pia Merete Kjærsgaard die Dansk Folkeparti an, und in Belgien sorgt Anke Van dermeersch von der rechtsextremen Vlaams Belang immer wieder für Aufsehen. Auch Deutschland hat mit AfD-Chefin Frauke Petry und ihrer Stellvertreterin Beatrix von Storch erfolgreiche rechte Politikerinnen.

"Weil Frauen eine Distanz zur Politik unterstellt wird, können sie besonders überzeugend eine Anti-Establishment-Politik vertreten", glaubt Birsl. Viele dieser Frauen würden zudem hervorheben, dass sie ihrer traditionellen Rolle als Frau gerecht werden und gleichzeitig modern sind: Sie seien Mütter und gleichzeitig engagiert für die Nation. "Das lässt sich besonders für die radikal rechten Parteien strategisch einsetzen", sagt Birsl.