Putschversuch - "Man muss mit der Angst leben" Wie Türkeistämmige in Berlin-Kreuzberg die Putschnacht in der Türkei erlebt hat.

Absperrgitter und Grablichter vor der türkischen Botschaft in Berlin zeugen von einem aufgebrachten Wochenende. "Zum Glück hat es sich wieder beruhigt", sagt ein türkischstämmiger Mann am Kottbusser Tor. "Es war richtig, dass Erdoğan so hart durchgegriffen hat. Jetzt ist alles wieder ruhig, alles sauber."

Doch die Ruhe trügt. Unter der Oberfläche haben sich durch den Putschversuch die Gräben zwischen den türkischen Communitys in Deutschland weiter vertieft. Schon lange feinden sich regierungstreue Deutschtürken und andere deutschtürkische Gruppen an. Sichtbar wurden die Spannungen erstmals 2013 während der Gezi-Proteste und kürzlich nach der Armenien-Resolution. Der Putschversuch, sein Scheitern und Erdoğans harte Reaktionen geben den Communitys neuen Anlass zum Unmut.

Dabei melden sich die Lager unterschiedlich laut zu Wort. "Nicht nur die Gesellschaft in der Türkei ist zerrissen. Auch die Türkeistämmigen in Deutschland sind gespalten. Das zeigt sich auch darin, wer sich wie zu den aktuellen Themen äußert", sagt die Türkeiexpertin und Soziologin Devrimsel Deniz Nergiz.

Auf der einen Seite gebe es die im öffentlichen Raum präsenten und lautstarken Regierungsanhänger. Der Präsident der Türkischen Gemeinde zu Berlin, Bekir Yılmaz, beschrieb zum Beispiel die Pro-Erdoğan-Demonstranten in Ankara als "Märtyrer, die ihr Leben für ihr Land und ihre Ideale gelassen haben". Auf der anderen Seite fürchten Oppositionelle, Frauen oder Minderheiten Repressionen, etwa Einreiseprobleme oder dass ihre Familie und Freunde dort bedroht werden könnten. In Deutschland ebenso wie in der Türkei halten sie daher ihre Meinung in der Öffentlichkeit zurück und protestieren nicht auf der Straße.

Die Wut auf Kritiker

Schließlich hätten extrem radikale oder konservative Menschen laut Nergiz während des Putschversuchs einen Tabubruch erlebt: Sie konnten unter Billigung der Regierung und vor laufender Kamera Soldaten oder Militärpersonal schlagen und demütigen, obwohl diese Gruppen in der Türkei ein hohes Ansehen genossen. "Das ist eine Ermächtigung, die auch ganz leicht gegen andere Oppositionelle, Kritiker oder Minderheiten mobilisiert werden kann", sagt Nergiz.

Diese Beobachtung teilt der Kommunikationswissenschaftler und Aktivist Kerem Schamberger. In München hatte er bereits am Tag nach dem Putschversuch die neue Aggression der regierungstreuen Türkeistämmigen miterlebt. Bei einer prokurdischen Kundgebung traf seine Protestgruppe auf AKP-Anhänger. Diese feierten zur selben Zeit wenige Meter weiter den gescheiterten Putschversuch. "Zu keiner Zeit haben wir sie beleidigt", berichtet Schamberger, "trotzdem fühlten sie sich provoziert und haben einem von uns erst eine Kopfnuss gegeben und dann zugetreten." Schließlich sei die Polizei eingeschritten.