Geschichtlich ist nachvollziehbar, warum die Freizügigkeit innerhalb der EU insbesondere nach dem Fall des Eisernen Vorhangs als politisches Heiligtum gilt. Aber ist sie tatsächlich auch segensreich für alle Mitgliedsländer? Die Rede ist hier wohlgemerkt nicht von der Personenfreizügigkeit, dem Recht also, innerhalb der EU ohne Einschränkungen reisen zu dürfen. Die Frage ist vielmehr, wie sinnvoll es war und ist, dieses Unionsgrundrecht mit der Arbeitnehmerfreizügigkeit zu verbinden, der Möglichkeit also, überall in der EU einen Job annehmen zu dürfen.

Denn anders als angenommen, hat diese Freiheit nicht dazu geführt, dass sich die Lebens- und Lohnverhältnisse zwischen Ost und West allmählich angeglichen hätten. Statt eines gegenseitig profitablen Austauschs von Know-how verläuft die Binnenmigration vielmehr fast ausschließlich von Osten und von Westen nach Norden. Wenn aber die Fähigsten ersatzlos gehen, verfestigt dies Wohlstandsunterschiede, statt sie aufzulösen.

Vor allem Bulgarien und Rumänien verzeichnen seit Jahren einen dramatischen Braindrain. Laut einer Berechnung der bulgarischen Tageszeitung 24 Chasa haben zwischen 1992 und 2015 drei Millionen Bulgaren ihre Heimat verlassen, was für ein Land von einer Einwohnerzahl von sieben Millionen eine gewaltige Abwanderungsrate ist.

Der Braindrain ist auch ein Brainwaste

"Die Öffnung der Grenzen war das Beste und das Schlimmste, das der bulgarischen Gesellschaft nach dem Fall der Berliner Mauer passiert ist", kommentiert der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev vergangenes Jahr diese Bewegung. "Die Massenemigration von Leuten im Alter zwischen 25 und 50 hat sowohl die bulgarische Wirtschaft wie auch das politische System dramatisch in Mitleidenschaft gezogen."

Denn der Braindrain ist oft auch ein Brainwaste: Wenn Ärzte oder Krankenpfleger als Erntehelfer oder Seniorenbetreuer in London mehr verdienen als an staatlichen Krankenhäusern in Sofia, wenn IT-Experten auf dem Bau in Berlin mehr Geld bekommen als in der heimischen Industrie, raubt ein solcher Export nicht nur den Staatsstrukturen und der Wirtschaft des Landes die wichtigsten Kräfte – mit ihnen gehen auch meist jene Köpfe, die das politische System am ehesten modernisieren könnten.

Warum sich den Kampf gegen Korruption und Klientelpolitik antun, wenn das nur bedeutet, seine jugendliche Energie zu verschwenden? Oder, in Krastevs Worten: "Es ist einfacher, nach Deutschland zu gehen, als dafür zu sorgen, dass Bulgarien funktioniert wie Deutschland." Die instinkthafte Wahl "fight or flight" gilt eben auch für die Lebensplanung. Das Ergebnis der einfacheren Wahl kann sein, dass einer Gesellschaft die kritische Spitze genommen wird – oder sie zumindest abgeschliffen wird.

Würde beispielsweise Polen gerade dieselbe scharfe konservative Wende erleben, wenn nach dem EU-Beitritt des Landes 2004 nicht Hunderttausende seiner jungen Bürger erst nach Großbritannien und Irland, später nach Deutschland übergesiedelt wären?

In Rumänien ist die Bevölkerung laut Statistiken der OECD von 22 Millionen im Jahr 2002 auf 19 Millionen im Jahr 2012 geschrumpft. "Ich werde jeden Tag gefragt, warum ich noch hier bin", berichtet eine junge Krankenhausärztin diese Woche im britischen Economist – schließlich könne sie in Westeuropa das Zehnfache ihres örtlichen Gehalts verdienen.

14.000 Ärzte haben Rumänien verlassen

Sollte die Emigration sich so fortsetzen, schätzt das Nachrichtenmagazin, könnte das Bruttoinlandsprodukt mancher osteuropäischer Staaten bis zum Jahr 2030 um vier Prozent sinken. Seit Rumänien 2007 der EU beigetreten ist, haben laut einer Studie der dänischen Universität Aarhus allein 14.000 Ärzte das Land verlassen (Stand 2014). Spanien, Portugal, Griechenland und Italien könnte infolge der Finanzkrisen ähnliches drohen.

Die meisten EU-Staaten, auch Deutschland, hatten nach dem Beitritt der osteuropäischen Länder mehrjährige Übergangsfristen für den Beginn der Arbeitnehmerfreizügigkeit festgesetzt. Begründet wurde dies damals mit der Sorge vor Lohndumping, dem berühmten polnischen Klempner.

Die Unterschiede in den Lohnniveaus sind heute trotzdem immer noch beträchtlich. Und warum? Auch deswegen, weil offenbar niemand über die faktischen Nachteile eines politischen Heiligtums für jene Länder sprechen wollte, die angeblich am meisten davon profitieren sollten.