In dieser Woche wurde vor dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag der Fall von Ahmad al-Faqi al-Mahdi verhandelt. Ihm wird vorgeworfen, als Chef der Moralpolizei des malischen Al-Kaida-Ablegers Ansar Dine 2012 die Zerstörung einer Reihe historischer Stätten in Timbuktu angeordnet zu haben, welche von der Unesco zum Weltkulturerbe gezählt wurden. Da Al-Mahdi sich in allen Punkten für schuldig bekannt hat, konnte die Verhandlung in Rekordzeit durchgeführt werden; ein Schuldspruch in dem für den 27. September angekündigten Urteil gilt als sicher.

Dass auch die Zerstörung von Kulturgütern als Kriegsverbrechen gelten kann, ist im Grundsatz seit Langem anerkannt: Entsprechende Bestimmungen fanden sich bereits in der Haager Landkriegsordnung von 1899, der Haager Konvention von 1954, der Weltkulturerbekonvention von 1972, dem zweiten Zusatzprotokoll der Genfer Konvention und schließlich auch in den Statuten des IStGH von 1998 (dort bezeichnet als "vorsätzliche Angriffe auf Gebäude, die dem Gottesdienst, der Erziehung, der Kunst, der Wissenschaft oder der Wohltätigkeit gewidmet sind, auf geschichtliche Denkmäler, Krankenhäuser und Sammelplätze für Kranke und Verwundete", Art. 8 Abs. 2 e) iv).

Meist wird im Krieg Wichtigeres als "nur" Kulturgüter zerstört

Entsprechende Verurteilungen sind hingegen bislang die Ausnahme geblieben. In den Nürnberger Prozessen etwa musste sich keiner der Angeklagten wegen der Zerstörung von Synagogen oder jüdischen Kunst- und Kulturschätzen verantworten – nicht, weil es dazu nicht gekommen wäre, sondern weil die Bedeutsamkeit der Taten gegenüber der millionenfachen Ermordung von Juden in den Hintergrund trat. Dasselbe gilt in vielen Kriegsverbrecherverfahren. Lediglich der Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien hatte bereits um die Jahrtausendwende Anklage wegen der Zerstörung von Weltkulturerbe beim Bombardement von Dubrovnik, Sarajevo und Mostar in den frühen neunziger Jahren erhoben. Für das "Weltgericht" IStGH markiert das Vorgehen gegen Al-Mahdi hingegen den ersten Fall, in dem kulturelle Verbrechen den einzigen Anklagepunkt bilden.

Das ist vor allem deshalb wichtig, weil die Vernichtung von Kulturgut in jüngerer Vergangenheit als Mittel der Kriegsführung an Bedeutung zugenommen hat. 2001 etwa sprengten Taliban die 1.500 Jahre alten, gigantischen Buddhastatuen, die in der afghanischen Bamiyan-Provinz in den Stein geschlagen waren. Seit 2013 wurden in Syrien zahllose historische Stätten beschädigt oder zerstört, darunter die Moschee und Zitadelle von Aleppo und die Ruinen von Palmyra, wo IS-Krieger syrische Archäologen öffentlich hinrichteten, bevor sie die Tempelanlagen sprengten und zerschlugen.


Die Situation im Irak ist nicht besser: Auch dort wurden innerhalb der letzten Jahre Kulturgüter von unschätzbarem Wert oft unwiederbringlich vernichtet – die Museumsplünderung und Bücherverbrennung in Mossul bildet nur eines von vielen Beispielen. Die beiden Länder trifft es am schwersten, doch auch im Jemen, in Libyen, Ägypten und weiteren Staaten kommt es zu Zerstörungen durch islamische Extremisten.

Zerstörung sinnstiftender Stätten als psychologische Kriegsführung

Ihr Vorgehen ist nicht bloß ein Affront gegen Kunst- und Kulturliebhaber, sondern in vierfacher Hinsicht ein äußerst effizientes Mittel zur Erreichung ihrer Ziele. Erstens dient es der Durchsetzung der eigenen Ideologie: Die in Timbuktu niedergerissenen Mausoleen etwa galten ihren Zerstörern als Stätten der Götzen- und Geisterverehrung. Zweitens hat es strategischen Wert, denn Ziele wie Museen, Büchereien, Moscheen oder Grabstätten bilden für die Bevölkerung oft sinn- und identitätsstiftende Orte, die gemeinsame Geschichte und Werte bezeugen; ihre Vernichtung untergräbt daher die Moral und lässt Widerstand sinnlos erscheinen. Drittens ist die dem IS so wichtige Schock- und Propagandawirkung gegenüber dem Westen auf kaum einem Wege so gut zu erreichen wie durch die medial inszenierte Vernichtung bedeutsamer und bekannter Stätten. Viertens schließlich hat sich der Handel mit geplünderten Artefakten auf dem Schwarzmarkt für die Extremisten längst zu einer einträchtigen Finanzierungsquelle entwickelt.

Vor diesem Hintergrund ist verständlich, wenn das Verfahren des IStGH als Triumph gefeiert wird. Es erklärt auch, warum Chefanklägerin Fatou Bensouda entschieden hat, die Anklage auf die Beschädigung der Mausoleen sowie der Sidi-Yahia-Moschee zu beschränken, obwohl viel dafür spricht, dass Al-Mahdi auch noch an weiteren – gravierenderen – Verbrechen beteiligt war. So hat ein Bündnis internationaler Hilfsorganisationen unter Federführung der FIDH nach umfassenden Untersuchungen bereits 2015 Klage vor den malischen Gerichten im Namen von 33 Frauen erhoben. Sie geben an, von Mitgliedern eben jener Polizeieinheit, der Al-Mahdi vorstand, misshandelt und vergewaltigt worden zu sein.