"Fernsehen hilft" – Seite 1

"Vierundzwanzig!", ruft Serwat Idris. Sein Vater lächelt. "Und was ist 19 plus 24 minus 30 plus ..." Auch Serwats Schwestern rechnen mit, die jüngste, Riemi, versucht es mit den Fingern. Serwat ist zehn Jahre alt, zusammen mit der achtjährigen Riemi, seiner dreizehn Jahre alten Schwester Liana und dem Vater wartet er auf dem Gang im Büro des Leipziger Flüchtlingsrats. Der Flüchtlingsrat hilft Geflüchteten, sich in Deutschland zurechtzufinden, beispielsweise Anträge zu verstehen und richtig auszufüllen. Das dauert. Immer neue Rechenaufgaben muss der Vater seinen Kindern stellen. Er tut es auf Deutsch und man hört, wie unvertraut ihm die Sprache noch ist. Serwat und seine Schwestern antworten dagegen schon fast akzentfrei. 

Kinder lernen Sprachen eben schneller. Aber das heißt nicht, dass sie sich auch schneller integrieren. Wer als Kind schon in seiner Heimat von westlichen Einflüssen geprägt wurde, hat es hierzulande leichter. Auch der Zeitpunkt und die einzelnen Stationen der Flucht können beeinflussen, wie schnell sich Kinder in die neue Umgebung in Deutschland einfügen. Das zeigt die Geschichte von Serwat. Und die von Ranea.

Denn auf den Wartestühlen des Flüchtlingsrats sitzen noch zwei weitere Mädchen. Ranea ist 13 Jahre alt, ihre Schwester Aven ein Jahr älter. Sie schweigen meistens und wenn nicht, dann schauen sie sich erst vorsichtig um, bevor die eine der anderen etwas auf Kurdisch zuflüstert. Wie Serwats Familie kommen auch die beiden Mädchen aus Syrien, aus den kurdischen Gebieten. Ihr Dorf lag in der Nähe der türkischen Grenze. Sie sprechen Kurdisch und Arabisch, Deutsch verstehen sie, können es aber noch nicht so gut reden. Sie mussten vor dem "Islamischen Staat" (IS) fliehen. Doch was ihnen in der Heimat geschah, möchten sie nicht erzählen. Nur dass sie in einem weißen Haus gelebt haben und dass es zerstört ist. Das war vor zwei Jahren.

Serwats Familie war da schon in Deutschland angekommen. Sie floh aus der Großstadt Homs, nachdem die Truppen von Präsident Assad die Stadt im Mai 2014 wieder unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Es gab willkürliche Verhaftungen, zweimal wurde Serwats Vater von Militärs mitgenommen. Ihr Haus ist zerstört. "Es war schön dort", sagt Serwat, "wir hatten ein großes Haus, sind mit dem Bus direkt zur Schule gefahren worden." "Und es gab schöne Schuluniformen", ergänzt seine Schwester. Die Kinder gingen in Syrien auf eine internationale Schule. Insgesamt hat Serwat vier Geschwister, das jüngste wurde in Deutschland geboren. Die siebenköpfige Familie lebt jetzt im Süden Leipzigs

Die richtige Zeit zur Flucht

Die Wohnung dort ist sehr klein, "viel zu klein", findet Serwat. "Ich schlafe mit meiner kleinen Schwester in einem Zimmer, meine beiden großen Schwestern teilen sich ein Zimmer und mein Vater, meine Mutter und das Baby haben ein Zimmer." Drei Räume für sieben Personen, die Familie war aus Syrien anderes gewohnt. Sie hatten ein eigenes Haus, zwei Autos und ein kleines Ferienhäuschen am Strand, ein paar Kilometer außerhalb der Stadt. Es war mehr als bescheidener Wohlstand, der Vater war ein erfolgreicher Geschäftsmann, sie gehörten zur Oberschicht. 

Ein bisschen was vom alten Glanz ist geblieben: Serwats Hemd ist gebügelt, die Haare sind nach hinten gegelt, die Mädchen tragen dezenten Schmuck. Eine syrische Bilderbuchfamilie. Serwat und seine Schwestern zeigen das Selbstbewusstsein von Kindern, denen viel ermöglicht wurde und die selbst im großen Unglück von Krieg und Flucht noch etwas Glück hatten: Sie flohen, bevor es im Herbst vergangenen Jahres zum Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise kam. Als man noch keine provisorische Unterkünfte in Baumarkthallen brauchte, bevor die Grenze nach Ungarn geschlossen wurde und bevor Tausende Menschen in viel zu kleinen Booten das Mittelmeer zu überqueren versuchten. Die Idris flogen nach Deutschland, blieben zwei Tage in Berlin, dann ging es weiter nach Leipzig. Über einen Verwandten konnten sie dort die kleine Wohnung schnell beziehen.

Berlin - Wie Flüchtlingskinder in der Schule Fuß fassen Mehr als 11.000 Flüchtlingskinder besuchen in Berlin Willkommensklassen. ZEIT ONLINE hat eine kleine Gruppe von ihnen an einem Schultag begleitet. © Foto: Zeit Online

Nicht für immer in Deutschland

Raneas Familie konnte sich eine gemeinsame Flucht nicht leisten. Sie trennten sich: Der Vater flüchtete nach Deutschland, Ranea und Aven gingen mit ihrer Mutter zunächst in die Türkei. Dort hat es ihnen gut gefallen. Sie sprachen ja Kurdisch wie die Menschen dort und fanden schnell Anschluss. "In der Türkei war es wie bei uns zu Hause", sagt Raena. Sie wohnten bei Verwandten. Doch dann konnte ihr Vater die Familie nach Deutschland holen. Jetzt sind sie wieder vereint. Doch in Deutschland sei alles anders, findet Raena. Sie leben mit ihren Eltern, vier Geschwistern und ihrer Oma in einer Vier-Zimmer-Wohnung, nur drei andere Flüchtlingsfamilien leben im gleichen Block. Zu deutschen Nachbarn haben sie kaum Kontakt.

Es fällt ihnen viel schwer, sich hier einzufügen. "Ich hatte zuerst Angst vor den Menschen und der Sprache. Jetzt ist es besser", sagt Raena. Die deutsche Schule gefällt ihr: "Es ist sehr ordentlich. In Syrien sind die Lehrer viel strenger, manchmal haben sie uns geschlagen. Das gibt es hier nicht." In ihre Klasse gehen nur Flüchtlingskinder, deutsche Klassenkameraden hat sie nicht. Die Schwestern haben dort schnell Freunde gefunden, doch untereinander sprechen sie nur Arabisch.

Wenn man Ranea fragt, wo sie leben will, dann ist das eigentlich nicht Deutschland. Jedenfalls nicht für immer. Doch zurück in ihre Heimat will sie auf keinen Fall. Der IS terrorisiert immer noch ihr Dorf, erst vor kurzem ist dort ein Lastwagen explodiert, es gab viele Tote. "Die Türkei hat mir sehr gut gefallen", sagt Ranea. Nur in die Schule konnte sie dort nicht gehen, das müsse sich ändern. Zugleich weiß sie, dass sie auch in der Türkei nicht sicher ist. Denn die Kurdengebiete der Türkei erleben gerade Unruhen. Was bleibt ihr anderes übrig, als besser Deutsch zu lernen?

Angst, die arabische Kultur zu vergessen

Auch Serwat aus Homs war zuerst in einer reinen Flüchtlingsklasse. Doch dann konnte er mit seinen Schwestern die Schule wechseln. Anfangs wurde Serwat ausgelacht, weil er ein Flüchtling ist. Doch das habe sich schnell gelegt. "Ich habe jetzt viele Freunde in der Schule. Eigentlich sind alle Jungs meine Freunde", sagt er stolz. Nach dem Unterricht bleibt er in der Schule, spielt in der Fußball-AG. Wenn er besser sei, wolle er in einen richtigen Verein gehen.

Der viele Kontakt mit deutschen Muttersprachlern hat Serwat und seinen Schwestern geholfen, die Sprache so schnell zu lernen, da sind sie sich sicher. "Aber Fernsehen hilft auch", findet Serwat. "Man hört Wörter und erkennt sie wieder, man hört wie sie gesprochen werden. Das ist schon gut." Jetzt dolmetschen sie manchmal für ihre Eltern.

Der Vater ist stolz auf seine Kinder: "Sie lernen sehr schnell, vielleicht ein bisschen zu schnell." Zu Hause spricht Serwat Arabisch mit seinen Eltern, und schon jetzt fängt er an, einzelne Wörter zu vergessen. "Ich wusste nicht mehr, was Schwamm auf Arabisch heißt. Es ist mir absolut nicht eingefallen."

Die Eltern sorgen sich, dass ihre Kinder die arabische Sprache und Kultur vergessen. Nicht nur wegen ihrer Wurzeln. "Sie haben hier von Null angefangen. Wenn wir wieder nach Syrien gehen, habe ich Angst, dass sie wieder bei Null anfangen müssen", sagt der Vater. Denn zurück wollen sie, sobald es wieder sicher ist. Hier in Deutschland sei es okay, findet Serwat, aber die Wohnung sei eben zu klein und in Syrien hatten sie mehr Geld. "Wenn meine Freunde Fahrrad fahren gehen, dann kann ich nicht mit. Ich habe kein Fahrrad. In Syrien hatte ich eins."