Raneas Familie konnte sich eine gemeinsame Flucht nicht leisten. Sie trennten sich: Der Vater flüchtete nach Deutschland, Ranea und Aven gingen mit ihrer Mutter zunächst in die Türkei. Dort hat es ihnen gut gefallen. Sie sprachen ja Kurdisch wie die Menschen dort und fanden schnell Anschluss. "In der Türkei war es wie bei uns zu Hause", sagt Raena. Sie wohnten bei Verwandten. Doch dann konnte ihr Vater die Familie nach Deutschland holen. Jetzt sind sie wieder vereint. Doch in Deutschland sei alles anders, findet Raena. Sie leben mit ihren Eltern, vier Geschwistern und ihrer Oma in einer Vier-Zimmer-Wohnung, nur drei andere Flüchtlingsfamilien leben im gleichen Block. Zu deutschen Nachbarn haben sie kaum Kontakt.

Es fällt ihnen viel schwer, sich hier einzufügen. "Ich hatte zuerst Angst vor den Menschen und der Sprache. Jetzt ist es besser", sagt Raena. Die deutsche Schule gefällt ihr: "Es ist sehr ordentlich. In Syrien sind die Lehrer viel strenger, manchmal haben sie uns geschlagen. Das gibt es hier nicht." In ihre Klasse gehen nur Flüchtlingskinder, deutsche Klassenkameraden hat sie nicht. Die Schwestern haben dort schnell Freunde gefunden, doch untereinander sprechen sie nur Arabisch.

Wenn man Ranea fragt, wo sie leben will, dann ist das eigentlich nicht Deutschland. Jedenfalls nicht für immer. Doch zurück in ihre Heimat will sie auf keinen Fall. Der IS terrorisiert immer noch ihr Dorf, erst vor kurzem ist dort ein Lastwagen explodiert, es gab viele Tote. "Die Türkei hat mir sehr gut gefallen", sagt Ranea. Nur in die Schule konnte sie dort nicht gehen, das müsse sich ändern. Zugleich weiß sie, dass sie auch in der Türkei nicht sicher ist. Denn die Kurdengebiete der Türkei erleben gerade Unruhen. Was bleibt ihr anderes übrig, als besser Deutsch zu lernen?

Angst, die arabische Kultur zu vergessen

Auch Serwat aus Homs war zuerst in einer reinen Flüchtlingsklasse. Doch dann konnte er mit seinen Schwestern die Schule wechseln. Anfangs wurde Serwat ausgelacht, weil er ein Flüchtling ist. Doch das habe sich schnell gelegt. "Ich habe jetzt viele Freunde in der Schule. Eigentlich sind alle Jungs meine Freunde", sagt er stolz. Nach dem Unterricht bleibt er in der Schule, spielt in der Fußball-AG. Wenn er besser sei, wolle er in einen richtigen Verein gehen.

Der viele Kontakt mit deutschen Muttersprachlern hat Serwat und seinen Schwestern geholfen, die Sprache so schnell zu lernen, da sind sie sich sicher. "Aber Fernsehen hilft auch", findet Serwat. "Man hört Wörter und erkennt sie wieder, man hört wie sie gesprochen werden. Das ist schon gut." Jetzt dolmetschen sie manchmal für ihre Eltern.

Der Vater ist stolz auf seine Kinder: "Sie lernen sehr schnell, vielleicht ein bisschen zu schnell." Zu Hause spricht Serwat Arabisch mit seinen Eltern, und schon jetzt fängt er an, einzelne Wörter zu vergessen. "Ich wusste nicht mehr, was Schwamm auf Arabisch heißt. Es ist mir absolut nicht eingefallen."

Die Eltern sorgen sich, dass ihre Kinder die arabische Sprache und Kultur vergessen. Nicht nur wegen ihrer Wurzeln. "Sie haben hier von Null angefangen. Wenn wir wieder nach Syrien gehen, habe ich Angst, dass sie wieder bei Null anfangen müssen", sagt der Vater. Denn zurück wollen sie, sobald es wieder sicher ist. Hier in Deutschland sei es okay, findet Serwat, aber die Wohnung sei eben zu klein und in Syrien hatten sie mehr Geld. "Wenn meine Freunde Fahrrad fahren gehen, dann kann ich nicht mit. Ich habe kein Fahrrad. In Syrien hatte ich eins."