In den vergangenen Wochen hat der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump eine Regel aufgestellt: Immer, wenn ihn eine neue Skandalgeschichte wirklich in Schwierigkeiten bringt, folgt die Antwort seines Wahlkampf-Teams innerhalb der nächsten Stunde. So war es, als vor knapp zwei Wochen Unterlagen auftauchten, die nahelegen, dass er 18 Jahre lang keine Einkommenssteuer bezahlt hat: "Mr. Trump kennt die Steuergesetze besser als jeder andere", hieß es. Und so war es auch, als am vergangenen Freitag das Skandalvideo herauskam, auf dem Trump mit sexuellen Übergriffen prahlt: "Das waren Umkleidekabinen-Gespräche."

Als die New York Times am Mittwochabend die Geschichte zweier Frauen veröffentlicht, die Trump vorwerfen, sie sexuell belästigt zu haben, dauert es genau 45 Minuten, bis seine Leute reagieren: "Der gesamte Artikel ist erfunden" – die New York Times sei ein willfähriges Werkzeug der Familie Clinton, Trump in Wahrheit ein Vorkämpfer für Frauenrechte.

Wie lange kann das noch gutgehen? Täglich müssen Trumps Berater solche Mails mittlerweile rausschicken. Ein Skandal löst den nächsten ab – was der Milliardär im Wahlkampf eigentlich zu sagen hat, spielt längst keine Rolle mehr. Doch die Vorwürfe, die Rachel Crooks und Jessica Leeds nun gegen den Milliardär erheben, könnten seinen Wahlkampf endgültig implodieren lassen.

Leeds, heute 74 Jahre alt, berichtet, wie Trump ihr Anfang der achtziger Jahre in der ersten Klasse eines Linien-Flugzeugs erst an die Brüste fasste und dann versuchte, ihr unter den Rock zu greifen. "Er war wie eine Krake", sagt sie der Zeitung. "Seine Hände waren überall."

"Es war so unangemessen"

Was Crooks erzählt, liegt elf Jahre zurück. Die damals 22-jährige Rezeptionistin arbeitete zu jener Zeit im Trump Tower in New York. Als sie sich dem Milliardär vor einem der Aufzüge vorstellte, habe der ihre Hand nicht mehr losgelassen, sie erst auf die Wangen und dann direkt auf den Mund geküsst. "Es war so unangemessen", sagt Crooks heute. "Mich hat aufgewühlt, dass er davon ausging, ich sei so unwichtig, dass er so etwas einfach mit mir machen kann."

Noch eine dritte und eine vierte Frau meldeten sich am Mittwoch zu Wort: Gegenüber der Palm Beach Post aus Florida berichtete Mindy McGillivray, wie Trump ihr vor 13 Jahren bei einem Event in seinem Nobelhotel Mar-A-Lago an den Po gefasst habe. Das Magazin People veröffentlichte den Bericht einer Redakteurin, die nach eigenen Worten 2005 bei einem Interview von dem Präsidentschaftskandidaten belästigt wurde. "Wir betraten den Raum allein und Trump schloss die Tür hinter uns", sagte Natasha Stoynoff. "Ich drehte mich um und innerhalb von Sekunden drängte er mich an die Wand und steckte mir seine Zunge in den Hals."

Dabei hatte Trump sich noch während des TV-Duells gegen Hillary Clinton am Sonntag für seine sexistischen Äußerungen aus dem Jahr 2005 entschuldigt. Auf die Frage des Moderators, ob er je übergriffig geworden sei, hatte Trump mit ernster Miene geantwortet: "Nein, bin ich nicht". Crooks, Leeds und McGillivray behaupten jetzt das Gegenteil. Es sei Trumps Auftritt während der TV-Debatte gewesen, der sie dazu veranlasst habe, ihr jahrelanges Schweigen zu brechen.

Trump-O-Meter: Wie viel Trump steckt in mir?

Die Vorwürfe der Frauen erhöhen den Druck auf Trump. Schon am Wochenende kündigten ihm zahlreiche Republikaner die Gefolgschaft, in aktuellen Umfragen liegt er auf Bundesebene bis zu elf Prozentpunkte hinter seiner Rivalin Clinton zurück. Hatten seine rassistischen Bemerkungen gegenüber Einwanderern und seine Hetzparolen gegen diverse Parteikollegen dem Immobilien-Tycoon kaum geschadet, verzeihen ihm die Wähler seinen Sexismus offenbar nicht.

Zwar versucht Trump seit Tagen, mit Verweis auf die Affären des Ex-Präsidenten Bill Clinton von seinen eigenen Fehltritten abzulenken: Noch kurz vor der TV-Debatte war er an der Seite von vier Frauen aufgetreten, die Clinton beschuldigt hatten, sie in den achtziger und neunziger Jahren missbraucht und in einem Fall sogar vergewaltigt zu haben. Doch ist es nicht Bill Clinton, gegen den Trump im Rennen ums Weiße Haus antritt, sondern seine Frau Hillary. Und die gewinnt im Wahlkampf zunehmend an Siegesgewissheit. Denn mit jedem neuen Sexismus-Skandal ihres Kontrahenten wechseln mehr Wählerinnen die Seiten: Derzeit führt sie in Umfragen unter Frauen mit stolzen 15 Prozentpunkten.

Trump selbst reagierte auf die Recherchen der New York Times gewohnt aggressiv: Am Telefon beschimpfte er die verantwortliche Reporterin als "abscheulichen Menschen." Und drohte der Zeitung – wie schon so oft – mit einer Klage.