ZEIT ONLINE: Herr Keßler, die Vereinten Nationen warnen, dass bis zu 700.000 Menschen vor den Kämpfen in Mossul fliehen könnten. Wohin?
Martin Keßler: Das ist das Worst-Case-Szenario, in den nächsten Wochen rechnen wir vorerst mit 200.000 Flüchtlingen. Die meisten erwarten wir im Nordirak, vor allem rund um die größeren Städte Erbil und Dohuk, die nahe an Mossul liegen. Die Grenze zur Türkei ist seit Monaten geschlossen. Und da die Bevölkerung in Mossul hauptsächlich sunnitisch ist, ist der Iran auch keine Alternative für sie.
ZEIT ONLINE: Was sind die größten Herausforderungen?
Keßler: Einige Flüchtlinge werden in schon länger bestehenden Flüchtlingslagern im Nordirak unterkommen, viele andere nicht. Es leben schon jetzt Vertriebene in nicht fertig gebauten Häusern, in Tiefgaragen. Ich war selbst vor Ort. Im Sommer hat es dort mehr als 40 Grad, im Winter sinkt die Temperatur drastisch.
ZEIT ONLINE: Wie bereiten sich die Hilfsorganisationen auf die Flüchtlinge vor?
Keßler: Die Vereinten Nationen bauen in den nächsten Wochen Lager für bis zu 400.000 Menschen, dafür reicht die Finanzierung. Das Gebiet ist unter den Hilfsorganisationen aufgeteilt. Wir selbst machen Katastrophenvorsorge, die oft schwer zu planen ist. Es gibt Gebiete, wo wir nicht hin können – und Menschen, die fliehen, suchen sich selbst aus, wohin sie gehen. Durch den Bau von Lagern und Kliniken, der Bereitstellung von Wasser und Sanitäranlagen können die Vereinten Nationen das zumindest etwas lenken. Die Hilfsorganisationen bereiten sich auf das vor, was wir Winterisierung nennen. In der Region kann es nachts Minusgrade erreichen. Die Diakonie Katastrophenhilfe verteilt Decken und Schlafmaterial, außerdem Lebensmittelpakete und Haushaltsgegenstände an rund 30.000 Menschen. Bei einer Fluchtbewegung dieser Größenordnung sind feste Behausungen nicht möglich.
ZEIT ONLINE: Wie können die Menschen überhaupt aus Mossul entkommen? Der IS soll Sprengsätze in Mossul vergraben haben, um sie aufzuhalten, und Menschen, die fliehen wollen, erschießen.
Keßler: Der IS wird die Menschen in Mossul wohl als Schutzschilder missbrauchen. Wir kennen die Realität aus Aleppo und dem Syrien-Krieg. Früher konnte man in Konflikten mit den kämpfenden Parteien verhandeln. Der IS redet nicht mit Hilfsorganisationen. Ich hoffe, dass sich wenigstens die Allianz gegen den IS, die aus vielen Milizen und Armeen besteht, den humanitären Prinzipien verpflichtet fühlt und es nicht zu massiven Menschenrechtsverletzungen kommt. Die Allianz muss den geplanten Fluchtkorridor umsetzen. Die Vergangenheit zeigt, dass das nicht immer der Fall sein muss.
ZEIT ONLINE: Welche Folgen können die Fluchtbewegungen haben?
Keßler: Der Nordirak ist kurdisches Siedlungsgebiet, die Flüchtenden aus Mossul sind aber meist Sunniten. Wir haben es außerdem mit Jesiden zu tun, die vom IS vertrieben worden sind und bereits in großer Zahl im kurdischen Nordirak untergebracht sind. Humanitäre Hilfsorganisationen sind sich dieser Situation sehr bewusst und versuchen, die Spannungen zwischen den diversen ethnischen und religiösen Gruppen so gering wie möglich zu halten. Es muss beispielsweise dafür gesorgt werden, dass nicht 50 dem IS nahestehende Sunniten in einem Camp mit 3.000 Jesiden untergebracht werden.
Leider kennt man im Irak große Flüchtlingszahlen. Ich hoffe inständig, dass maximal 400.000 Menschen kommen und die anderen nicht fliehen müssen. Und dass ein Großteil der Flüchtlinge nach einiger Zeit nach Mossul zurückkehren kann und wir die Flüchtlinge nur temporär versorgen müssen. Die Vereinten Nationen und Hilfsorganisationen haben sich gut auf die jetzige Situation vorbereitet, aber wir sprechen von gewaltigen Zahlen. Wenn wirklich 700.000 Flüchtlinge kommen, gehen wir davon aus, dass es zu chaotischen Verhältnissen kommen wird.