Die Räumung des Lagers in Calais dominiert in Großbritannien die Medien: Die BBC ist mit mehreren Korrespondenten vor Ort, viele Nachrichten-Websites haben Liveblogs eingerichtet. Was sofort auffällt, ist die Wortwahl: Selbst in vielen BBC-Berichten läuft das illegale Lager wie selbstverständlich unter seinem Spitznamen: Dschungel – und das ohne Anführungszeichen. Wie groß ist die Dschungelbevölkerung? Wird das "Calais-Problem" mit der Räumung des Dschungels gelöst sein? Wie viel Geld hat der Dschungel Frankreich gekostet?

Der Tonfall, der hier mitschwingt, zieht sich weiter. Häufig ist die Rede von Migranten, nicht von Flüchtlingen. Vergleichsweise linke Medien wie der Guardian und der Independent differenzieren in ihrer Berichterstattung noch; da ist die Rede von "Migranten und Flüchtlingen". Auch im Englischen sind die Begriffe ähnlich politisch aufgeladen wie im Deutschen.

Dass diese nicht zufällig ausgewählt werden, fiel vergangene Woche in der Berichterstattung schnell auf. Als die britischen Behörden begannen, einige Dutzend unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus Calais nach Großbritannien zu bringen, stürzten sich Teile der Presse auf sie. Einigen konservativen Zeitungen sahen die jungen Menschen offenbar nicht jung genug aus.

Das Boulevardblatt Daily Mail will eine Gesichtsanalyse von Fotos von jungen Bewohnern des Calais-Lagers gemacht haben, die ergeben haben soll, dass die meisten von ihnen Erwachsene seien. Ein Kommentator des Daily Express schrieb, linke "Ideologen" hätten die Regierung seit Monaten dazu gedrängt, unbegleitete Kinder aus dem Lager in Calais aufzunehmen. Doch anstelle von Kindern seien jetzt "arrogante Erwachsene" ins Land gebracht worden. "Manipulative Sentimentalität" habe die Asylpolitik des Landes "in einen schlechten Witz verwandelt", schrieb der Kommentator weiter.

Der konservative Abgeordnete David Davies postete vor wenigen Tagen auf Twitter: "Die sehen mir nicht nach 'Kindern' aus. Ich hoffe, die britische Gastfreundschaft wird nicht missbraucht." Davies forderte, Röntgenaufnahmen von den Gebissen von Einreisewilligen zu machen, um deren Alter zu bestimmen. Die britische Zahnärztevereinigung bezeichnete die Forderung als "ineffektiv, unangebracht und unethisch". Das Innenministerium wies sie zurück. Die Labour-Abgeordnete Stella Creasy antwortete auf Davies' Tweet, sie schäme sich, im selben Parlament zu sitzen wie er.

Kampagnen gegen Flüchtlinge

Doch dort scheint Davies Gleichgesinnte zu haben. Die Labour-Abgeordnete Chi Onwura veröffentlichte auf ihrer Twitter-Seite die Aufnahme eines Plakats, das am Montag in einer Küche im Parlament gehangen haben soll. Darauf zu sehen ist ein alter arabischer Mann. Auf dem Bild steht: "Nur drei Pfund könnten dieses zwölf Jahre alte syrische Kind eine Woche lang mit Kleidung und Essen versorgen."

Die Hysterie um die Ankunft einiger Hundert Menschen zeigt, wie sehr das Thema Einwanderung die Gemüter in Großbritannien inzwischen hochkochen lässt. Es war bereits im Vorfeld des Brexit-Referendums im Juni eines der Hauptthemen. Die offizielle Leave-Kampagne warb mit einem umstrittenen Türkei-Plakat für einen EU-Austritt. Darauf stand: "Die Türkei (Einwohnerzahl: 76 Millionen) tritt der EU bei". Darunter zu sehen sind schmutzige Fußabdrücke, die auf einen britischen Pass zusteuern.