Das Straßburger Büro von Martin Schulz ist ein Ort des maximalen Weitblicks. Im 15. Stock des runden Parlamentsgebäudes schwebt man geradezu über der Stadt, dem Fluss, den Feldern. Vor dem Fenster versinkt Schulz im schwarzen Ledersofa. Im Januar endet seine Amtszeit, Schulz' Wiederwahl ist derzeit offen: Die europäischen Konservativen wollen einen eigenen Kandidaten durchbringen. Schulz könnte bald nach Berlin wechseln, vielleicht sogar SPD-Kanzlerkandidat werden.

ZEIT ONLINE: Herr Schulz, erinnern Sie sich noch an Ihre erste Parlamentswoche als Europaabgeordneter?

Martin Schulz: Sehr gut sogar. Es war der 20. Juli 1994, ein Dienstag. Es herrschte Aufbruchstimmung. Der Maastrichter Vertrag war erst wenige Monate zuvor in Kraft getreten, der bis dato tiefste Schritt der europäischen Integration. Die Stimmung war anders, viel hoffnungsfroher als heute. Aber auch damals war das EU-Parlament ein Spiegel der politischen Bewegungen Europas. Jean-Marie Le Pen, der damalige Chef des Front National, war in den neunziger Jahren schon im Parlament ebenso wie die italienischen Neofaschisten. Nur damals waren es Randphänomene. Heute haben wir leider an die 100 antieuropäische und euroskeptische Abgeordnete – bei 751 Mitgliedern.

ZEIT ONLINE: In Deutschland wird diskutiert, wie man mit Rechtspopulisten im Parlament umgehen sollte. Haben Sie einen Tipp?

Schulz: Ich bin dafür, von Fall zu Fall zu entscheiden. Bei der Ukip etwa sitzt ein Kollege, der ein jüdisches Elternteil hat und der ein sehr reflektierter Mann ist. Er ist für den Austritt Großbritanniens aus der EU, aber er ist ein sehr kluger Kopf und kämpft engagiert gegen Antisemitismus. An diesem Punkt kann ich gut mit ihm zusammenarbeiten. Aber bei anderen sind wir natürlich nicht naiv: Marine Le Pen zum Beispiel ist eine rechtsextreme Ultranationalistin und gefährlich. Diese Leute wollen Europa von innen zerstören. Daher gilt der Grundsatz: Keine Mittel der Demokratie für die Feinde der Demokratie.

ZEIT ONLINE: Als Abgeordnete haben sie ein Recht auf diese Mittel der Demokratie.

Schulz: Natürlich, aber wir können immer noch aufpassen, wie weit sie gehen dürfen. Wenn beispielsweise ein Abgeordneter in der Parlamentsdebatte über den ertrunkenen Flüchtlingsjungen sagt, wie lange noch der "Abschaum" an unsere Küsten angespült werden soll oder wenn einer sagt "Der Türke ist ein Hund, der versteht nur die Faust", dann muss man handeln und etwa denjenigen, der derartiges von sich gibt, aus dem Saal werfen. Das habe ich getan. Diese Grenzziehung ist extrem wichtig. Denn jeden Tag testen die Populisten und Extremen die Grenzen aus und wollen sie immer weiter verschieben und jeden Tag kriegen sie deshalb ein Stoppschild hingesetzt. Ein freies Mandat gibt nicht das Recht zu pöbeln und zu beleidigen. Abgeordnete haben Regeln einzuhalten. Eine Grundregel der europäischen Demokratie ist Respekt vor anderen, vor Religion und anderen Kulturen. Außer Beleidigungen, Pöbeleien und dem Versuch, den Parlamentsbetrieb zu stören kommt ja nicht viel von den Populisten. An der normalen Parlamentsarbeit sind die meisten schlicht nicht interessiert, lassen sich kaum sehen und nehmen praktisch nicht Teil.

ZEIT ONLINE: Gespräche über die EU drehen sich immer um die Rechten oder um Austeritätspolitik. Warum setzen die Sozialdemokraten dem nicht ein linkes Identifikationsprojekt entgegen?

Schulz: Zuerst müssten wir da aber definieren, was links ist.

ZEIT ONLINE: Was ist für Sie links?

Schulz: Die Grundlagen für jedes zwischenmenschliche Handeln sind Respekt und Toleranz. Und dass wir versuchen, mit den politischen Instrumenten, die uns zur Verfügung stehen, eine Mehrheit zu gewinnen, die uns in die Lage versetzt, das Leben der hart arbeitenden Menschen, die sich an die Regeln halten, jeden Tag ein Stück besser zu machen. An konkreten Verbesserungen arbeitet das Europaparlament jeden Tag, ich bin da eher ein Mann der Praxis als der Theorie.

ZEIT ONLINE: In Südeuropa zum Beispiel haben die Menschen nach Jahren der erzwungenen Spar- und Reformpolitik nicht unbedingt das Gefühl, dass ihnen die EU konkret dabei geholfen hat, ihr Leben jeden Tag ein Stück besser zu machen.

Schulz: Berechtigterweise nicht. Die Regierungen der Eurozone haben zum Teil unter deutscher Führung und übrigens ohne Beteiligung des Europäischen Parlaments eine Politik betrieben, die viel zu sehr auf Sparen gesetzt hat und nicht auf das Eintreiben von Steuergeldern von den Superreichen und auf Investitionen etwa in Soziales und Infrastruktur. Dabei war das Mantra einer Politik, die einseitig und einfallslos aufs Sparen setzt, schon immer falsch.