Es gibt wenig schönzureden über die Gesprächsrunden, die bis in den frühen Donnerstagmorgen im Kanzleramt abgehalten wurden. Wenn man die Ergebnisse aber schönreden möchte, sollten das zumindest alle Beteiligten auf die gleiche Weise tun. Die Beteiligten sind in diesem Fall die Präsidenten aus Russland, Frankreich und der Ukraine sowie die Bundeskanzlerin, jeweils in Begleitung von einer Delegation inklusive Außenministern. Das sogenannte "Normandie-Format" in großer Runde also, jener Gesprächskreis, der zu Beginn der Ukraine-Krise gebildet wurde, um zwischen Russland und der Ukraine zu vermitteln.

Kaum war das Treffen vorbei, wandte sich der ukrainische Präsident Petro Poroschenko an die Presse. Über eine Nachrichtenagentur und über Twitter ließ er wissen, man habe sich auf einen Rückzug von Truppen, die Ausarbeitung einer Roadmap für politische Fragen und – man staune – auf eine bewaffnete Polizeimission in der Ukraine geeinigt, die mit der OSZE abgestimmt ist. Und der russische Präsident Wladimir Putin habe dem zugestimmt. Das würde eine echte Bewegung bedeuten.

Allerdings waren die anderen Beteiligten des Normandie-Treffens noch nicht so weit, ihre Version der Dinge zu veröffentlichen. Putin hatte sich nämlich vor dem Treffen darauf verpflichten lassen, auch eine Runde zum Thema Syrien abzuhalten. Während Poroschenko sich also als Putins Pressesprecher versuchte, saß der mit seinem Stab noch mit Angela Merkel und François Hollande an einem Tisch. Im Anschluss unterrichtete Putin selbst die Presse. Von einer bewaffneten Polizeimission war dabei nicht die Rede. Auch Merkel und Hollande erwähnten sie nicht.

Unstrittig ist, dass es nun ein "Ausgangsdokument" gibt, wie Merkel es nannte. Absichtserklärungen also, die von den Außenministern und ihren Mitarbeiten mit Leben gefüllt werden müssen. Die Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Jean-Marc Ayrault saßen während der Pressekonferenz zwischen den Journalisten und machten nicht den Eindruck, als würden sie sich besonders auf die Aufgabe freuen.

"Sehr harte Aussprache" zu Syrien

Nachdem die Ukrainer die Runde verlassen hatten, saßen die anderen drei Parteien noch etwa anderthalb Stunden zusammen, um über Syrien zu sprechen. Gegen 0.50 Uhr verließ Putin das Kanzleramt und Merkel trat mit Hollande vor die Presse. Eine "sehr klare und sehr harte Aussprache" habe es mit dem russischen Präsidenten gegeben, sagte die Kanzlerin. Sie sehe Putin in der Verantwortung, die Bombardierung Aleppos zu stoppen. Hollande wurde deutlicher: Es sei ganz klar auch die russische Luftwaffe, die sich an Kriegsverbrechen beteilige. Die Häuser seien zerstört, darum hätten sich die Lazarette in die Keller verlagert. Russland setze nun Munition ein, die man als "bunkerbrechend" bezeichne, die aber in diesem Fall die sich in unterirdische Räume zurückgezogenen Zivilisten träfen. Merkel war die Verzweiflung anzusehen. "Wir haben deutlich gemacht, dass wir die Sinnhaftigkeit der Strategie nicht erkennen können", sagte sie.

Anzeichen, dass sich an der russischen Strategie etwas ändern könnte, gab es nicht. Merkel und Hollande beschränkten sich darauf, in der aktuellen Situation, der Bombardierung Aleppos, etwas zu erreichen. Das Optimistischste, was Merkel dazu sagen konnte, war: "Wir haben den Eindruck, dass es möglicherweise eine Verlängerung des Waffenstillstands gibt."

Das Kanzleramt befürchtet allerdings, dass die für Donnerstag ausgerufene Feuerpause gar nicht dazu gedacht ist, einen längerfristigen Waffenstillstand auszuhandeln. Stattdessen soll sie Zivilisten die Gelegenheit zur Flucht und Kämpfern die Gelegenheit zur Kapitulation geben. Russland und das syrische Assad-Regime sind wohl entschlossen, nach der Pause einen neuen Versuch zu starten, den von Rebellen gehaltenen Osten Aleppos einzunehmen.

An diesem Donnerstag steht auch ein EU-Gipfel in Brüssel an. Es wäre der Ort, an dem man über Sanktionen gegen Russland beraten könnte. Je nach Lesart hat dieses Mittel in der Ukraine noch Schlimmeres verhindert, warum nicht auch in der Syrien-Frage Russland auf diesem Wege Einhalt gebieten? Merkel will das weiterhin nicht ausschließen. Derzeit sei es aber das falsche Mittel. Denn erst einmal müsse es darum gehen, "wie wir den Menschen helfen können", die seit langer Zeit nicht mehr von humanitärer Hilfe erreicht wurden und "dahinvegetieren".

Parallel ließ Putin wissen, dass er genau dazu bereit sei. Er würde die Waffenruhe verlängern, wenn die bewaffneten Gruppen in Aleppo ebenfalls eine Feuerpause einlegten. Außerdem habe er vorgeschlagen, eine neue syrische Verfassung aushandeln zu lassen und Neuwahlen zu forcieren. Das allerdings sind langfristige Schritte, die den Menschen in Aleppo derzeit nicht weiterhelfen. Merkel und Hollande erwähnten diese Vorschläge Putins darum nicht.

Die Themen Ukraine und Syrien hatte Merkel miteinander verknüpft. Aus Sicht der Kanzlerin sei "immer klar" gewesen, "dass, wenn ein solches Treffen zustande kommt, dabei auch über Syrien gesprochen werden muss", sagte ihr Sprecher Steffen Seibert

Deutschland engagiert sich in Syrien weniger als europäische Partner und die USA, die mit Luftschlägen gegen den sogenannten "Islamischen Staat" vorgehen. Nun kommt der Bundesregierung eine besondere Rolle in dem Konflikt zu: Sie hat trotz eines gestörten Verhältnisses noch vergleichsweise gute Kontakte zur russischen Regierung und offenbar etwas anzubieten. Was immer Russland in der Ukraine erreichen möchte, es scheint dabei auf deutsche Vermittlung zu hoffen. Dass Merkel Putin für diese Vermittlungsdienste ein Gespräch über Syrien abringen konnte, ist nicht viel. Aber auf der Suche nach Zeichen der Hoffnung kann man es hervorheben. Vielleicht zeigt sich darin ja ein Weg, auf Russland mäßigend einzuwirken.