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In sieben Sprachen hat ZEIT ONLINE Nutzer auf der ganzen Welt gefragt: Wen wählen Sie? Trump oder Clinton? 273.000 Stimmen aus 220 Ländern wurden bis gestern 15 Uhr abgegeben. Viele Leser haben die Befragung über Social Media verbreitet, ZEIT ONLINE hat mehrsprachige Kampagnen auf Facebook geschaltet, Medien wie die italienische Tageszeitung La Repubblica ließen ebenfalls abstimmen, die Deutsche Welle in ihren mehrsprachigen Kanälen von Russisch bis Swahili, das US-Nationalradio NPR berichtete in seiner Morgensendung über unsere spontane Aktion.

Das wichtigste Ziel unseres spielerischen Votings ist damit erreicht: Wir haben viele Menschen weltweit dazu gebracht, sich über ihre Haltung zur US-Wahl Gedanken zu machen, die ja nicht nur für US-Bürger von großer Bedeutung ist. Was haben wir darüber hinaus gelernt?

Manipulation in Echtzeit

Insgesamt wurden bis gestern 273.000 Stimmen abgegeben. Nur 67 Prozent davon haben wir gelten lassen, alle anderen haben wir als verdächtig aussortiert. Wir hatten zwar damit gerechnet, dass Einzelne versuchen würden, die Zahlen unserer Umfrage zu beeinflussen, die Reaktionsgeschwindigkeit hat uns allerdings überrascht. So hatte kurz nach Veröffentlichung ein frisch aufgesetzter Voting-Bot bereits die ersten 1.000 Trump-Stimmen für Österreich abgegeben.

Auf diese Weise kam eine hohe Zahl formal ungültiger Stimmen zustande: Wir sahen uns gezwungen, die Filter gegen Bots kurz nach dem Start noch einmal deutlich zu verschärfen, die Datenbank zurückzusetzen und damit auch alle von echten Menschen abgegebenen Stimmen zur Sicherheit als ungültig zu erklären.

Nachdem wir unsere Filterfunktionen verbessert hatten, die bestimmte Manipulationen nun ausschloss, sank der Anteil der ungültigen Stimmen auf neun Prozent. Gegen komplexere Attacken ist auch unser jetziges Voting-Tool nicht gefeit, allerdings entwickelten sich die Zahlen nach dem Neustart erheblich stabiler.

Die Bots würden übrigens Trump wählen. 76 Prozent der von uns als ungültig gefilterten Stimmen entfielen auf den Kandidaten der Republikaner.

Was wir über die bereinigten Zahlen wissen

Insgesamt erhielt Hillary Clinton 69 Prozent der gültigen Stimmen, 31 Prozent erreichte Donald Trump. Dabei kamen 61 Prozent der Stimmen aus Deutschland. Für 18 Länder wurden mehr als 1.000 Stimmen abgegeben, für 61 Länder mehr als 100 Stimmen, insgesamt haben wir 220 Länder registriert.

Natürlich handelt es sich weder bei den hohen deutschen Zahlen noch bei den für die einzelnen Länder erfassten Stimmen um repräsentative Stichproben. Auch die Registrierung der Länder ist zwangsläufig unsauber: Unsere Software bestimmt anhand der IP-Adresse des Nutzers das Land, für das er seine Stimme abgibt. Die Nutzer konnten diese Zuordnung bei der Stimmabgabe aber selbst verändern.

Wir können also nicht sagen, dass die Menschen etwa in Polen oder Russland mehrheitlich Trump wählen würden, auch wenn unsere Zahlen dies auf den ersten Blick nahelegen.

Interessant ist dennoch der Vergleich mit repräsentativen Umfragen: Der ARD-DeutschlandTrend kommt auf 75 Prozent Zustimmung für Hillary Clinton in Deutschland, in unserem Voting-Tool sind es 71 Prozent. Ähnliche Übereinstimmungen ergeben sich auch beim Vergleich mit der weltweiten WIN/Gallup-Umfrage International's Global Poll on the American Election.

Allerdings ist das ZEIT-ONLINE-Ergebnis in seltenen Fällen ganz anders, vor allem in Frankreich. Und in den USA, wo Trump mit – je nach repräsentativer Umfrage – rund 44 Prozent erheblich mehr Unterstützung erfährt als bei der ZEIT-ONLINE-Befragung mit 29 Prozent.

Was also haben wir gelernt? Viele, aber längst nicht alle Bürger der Welt tendieren zu Hillary Clinton. In einigen Ländern, darunter Russland und Polen, gibt es vermutlich sogar eine Präferenz für Donald Trump. Auch die große Zustimmung von rund 29 Prozent für den Republikaner in unseren deutschen Zahlen hat uns überrascht.