Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin!

Gerade als Amerikaner möchte ich Ihnen zu Donald Trumps Wahlsieg gratulieren. Gegen alle Prognosen ist das Beste eingetroffen, was Ihnen passieren konnte: Die kommenden vier Jahre sind Sie Chefin der westlichen Welt.

Natürlich wissen wir nicht, was genau Trump politisch tun oder auch unterlassen wird, aber schon jetzt ist eines klar: Keiner in Europa – und nur eine Minderheit in Amerika – wird ihn als moralisches Vorbild akzeptieren. Dieser Job lastet jetzt auf Ihren mehr als kompetenten Schultern.

Aber Achtung: Geschenkt wird Ihnen nichts. Die westliche Welt von Berlin aus zu lenken – das wird kein Zuckerschlecken. Das Problem ist nicht, dass Europa um uns herum in Nationalismus und Rassismus verfällt. Das Problem ist, dass Europa keine inspirierende Vision zu bieten hat.

Die Führung der westlichen Welt ist mehr als eine politische Aufgabe. Amerika hatte diese Rolle bisher auch nicht inne, weil es gern mit seinen dicken Waffen protzt, sondern weil es fast alle Impulse des modernen Lebens beisteuert: das digitale Zeitalter; neue, komplizierte Umgangsformen der politischen Korrektheit; neue, exotische Allergien und byzantinische Vorschriften beim Essen sowie weitere wirtschaftliche und kulturelle Erneuerungen.

Können Sie da mithalten? Können Sie mit Ihren Ideen Europa dazu bringen, zum ersten Mal seit dem 19. Jahrhundert wieder ein Impulsgeber zu sein?

Trump selbst hat klargestellt, dass er die USA nicht mehr als Schutzmacht Europas begreift. Gestern noch war eben dies hierzulande eine lautstarke Forderung; seit man weiß, dass dieser Wunsch erfüllt werden könnte, herrscht kalte Ernüchterung.

Trump verlangt, Europa möge mehr in die Kasse der Nato einzahlen. Das haben zwar viele andere schon gesagt, auch Barack Obama, aber Trump könnte es auch so meinen. Die Nato zu finanzieren, wird für Sie eine Herausforderung sein: Sie müssen irgendwo anders sparen, ich vermute, im sozialen Bereich.

Eine weitere Herausforderung wird TTIP. Die Ablehnung des Freihandelsabkommens wurde hierzulande lautstark gefordert, aus Angst vor dem Freihandel, der Globalisierung, der Auseinandersetzung mit fremdem Regelwerk und vor allem weil (außer Ihnen) kaum ein Deutscher weiß, dass Deutschland als Exportland vom Freihandel lebt.

Es gibt nur einen Haken: Die USA sind Deutschlands größter Abnehmer. Der Ruf deutscher Produkte ist ungebrochen phänomenal, da mag VW pfuschen, wie es will. Ein Großteil des deutschen Wohlstands stammt aus dem Handel mit Amerika. Schränkt Trump diesen ein oder macht ihn durch höhere Zölle weniger lukrativ, sinken nicht nur die deutschen Profite, sondern auch die Steuereinnahmen, und das bedeutet, der Staat wird sparen müssen – ich schätze, im sozialen Bereich. Auch hier: kalte Ernüchterung.

Noch spannender sind die Veränderungen, die auf dem Gebiet der Außenpolitik auf Sie zukommen. Trump hat immer wieder klargemacht, dass er nicht vorhat, Wladimir Putin im Wege zu stehen. Als erster Präsident hat er erkannt, dass wir Amis eigentlich gar keinen Konflikt mit Putin haben. Diese Tatsache wird viele Deutsche sehr überraschen. Die meisten befinden sich mental noch in der Zeit des Kalten Krieges, als sich USA und UdSSR als Todfeinde gegenüberstanden. Allein die Tatsache, dass Trump als bekennender Putin-Fan keinerlei Schaden im Wahlkampf davongetragen hat, zeigt, dass diese Epoche für uns Amis lange vorbei ist.