Berlin - "Euer Hass ist unser Ansporn" Am zweiten Abend nach dem Terroranschlag demonstrierten in Berlin linke und rechte Gruppierungen. Dabei kam es auch zu unangekündigten Aktionen Rechtsextremer. © Foto: ZEIT ONLINE

Ein Dutzend Mannschaftswagen der Polizei, ein Rechteck aus Gitterabsperrungen und Einlasskontrollen: "Sie sind dem rechten Spektrum zuzuordnen", weist eine Polizistin einen Besucher in schwarzer Jogginghose zurecht. In diesen Bereich darf er nicht. Angeblich soll am Mittwochabend der zwölf Toten im Berliner Regierungsviertel gedacht werden. Aber neben Grabkerzen sind die Teilnehmer mit ihren rechten politischen Parolen vor das Kanzleramt gezogen. Deutschland- und AfD-Fahnen wehen stramm im eisigen Abendwind, im Kies zwischen den kahlen Bäumen packen auch Mitglieder der Identitären Bewegung ihre Flagge aus. "Rassistenpack", brüllt die linke Demo am Rand im Chor, grantig wirft ein Mann zurück: "Terrorunterstützer".

Mahnwache, das ist ein Wort, das die Neue Rechte besetzt hat, die sich an diesem Abend zum vorweihnachtlichen Stelldichein trifft. Die Plattform Ein Prozent hat nach Berlin eingeladen, um nach dem Anschlag gegen das zu demonstrieren, was ihre Unterstützer eine "Flüchtlingsinvasion" nennen. Rund hundert Anhänger sind dem Aufruf gefolgt und stehen nun eingezäunt zwischen Kanzleramt und Reichstag. Der Attentäter von Berlin: natürlich ein Flüchtling! Davon sind die heutigen Teilnehmer überzeugt, schon lange. Dabei waren noch am Mittwochmorgen zunächst alle scheinbaren Gewissheiten verflogen; die Polizei ließ den ersten Verdächtigen frei. Noch als unklar war, dass ein Mann aus Tunesien gesucht wird, meldeten Rechte die Mahnwache in Berlin an.

Natürlich könnte der Täter ein Asylbewerber sein, natürlich könnte er sich zum "Islamischen Staat" bekennen. Die Polizei geht derzeit davon aus, es ist also wahrscheinlich. Eine Tatsache ist es noch nicht. Die Rechte will daraus aber politisches Kapital schlagen. Bereits zwei Stunden nach dem Anschlag am Montag twitterte Marcus Pretzell, AfD-Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen und Frauke Petrys Lebensgefährte: "Es sind Merkels Tote!" Der Tweet steht ganz oben in seiner Timeline, angeheftet als wichtiges Zitat. Die Polizei prüft, ob er sich damit strafbar gemacht hat.

Es gibt anscheinend kein zu früh, um Schlüsse zu ziehen, keinen falschen Zeitpunkt, um seine Wut herauszulassen. Auch am Berliner Hardenbergplatz, unweit des Orts des Anschlags vor der Gedächtniskirche, forderten Rechte Mittwochabend dichte Grenzen – ihr Motto: An Merkels Händen klebt Blut. Aufgerufen hatte hier die NPD. Es sind 130 rechtsextreme Anhänger hierher gekommen, bei 800 Gegendemonstranten. Eigentlich wollte die NPD über den Bahnhof Zoo zum Potsdamer Platz marschieren, doch ihre Gegner blockieren die Strecke am Zoo. 

Gauland und Höcke bleiben stumm

Vor dem Kanzleramt eingezäunt steht derweil eine Frau und verteilt "Merkel muss weg"-Sticker. Neben dem Mikrofon wachen auch die AfD-Politiker Björn Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag, und Alexander Gauland, Landesvorsitzender der AfD Brandenburg. Sie sind umzingelt von Kamerateams. Höcke und Gauland werden den ganzen Abend lang kein Wort sagen und so ihre Anhänger enttäuschen, die auf ihre Reden gehofft hatten. Auf Sprechchöre wird ebenfalls verzichtet.

Stattdessen ein Pastor, der gleich zu Anfang klarstellt, dass er nicht im Auftrag seiner Kirche hier ist, sondern seinem Gewissen gefolgt sei. Thomas Wawerka wurde nach seiner Probezeit nicht in den Kirchendienst übernommen. Er spricht von einer emotionalen Gemengelage, von Kraft, Liebe und, ja, von Besonnenheit. "Wir als Christen haben das Recht auf Widerstand." Erneuter Applaus. Politischer Irrweg, sagt der Pastor noch, und dass es brodele. Dann erblickt man ein Schild in der Menge: "Es wird Krieg geben." Es folgt ein Vaterunser, danach Stille. Grablichter stehen in Kartons am Boden, werden von Teilnehmern gehalten. Erleuchtet von Kameralichtern stehen Höcke und Gauland in der ersten Reihe, sehen kann sie niemand mehr.

Es ist nicht einfach, mit Teilnehmern der Demonstration ins Gespräch zu kommen: Lügenpresse, Hypermoralismus, Vertuschung des Zusammenhangs zwischen den Anschlägen und Merkels Flüchtlingspolitik, Vortäuschung von Asyl, Massenabschiebung, Deutschland den Deutschen. Ein wütender Mann, der seinen Namen nicht nennen will, schwenkt neben der deutschen auch die ungarische Flagge: "Orbán hat Historisches geschafft", predigt er. Der Zaun, die Flüchtlingsabwehr. Ein Freund Ungarns, sei er. Und jetzt: Trump-Fan.

Herr Rosenkranz ist sanft und sauer

Es gibt aber auch Herrn Rosenkranz. Nach dem Gebet, nach einer Musik von Haydn und der Verabschiedung ­ "Wir sehen uns bei der Merkel-muss-weg-Demo im Januar" steht er allein auf dem abgesperrten Gelände. Herr Rosenkranz, 39, Brille, schmales Gesicht, höflich, möchte nur Herr Rosenkranz genannt werden, ohne Vornamen. Sein Arbeitgeber würde nicht gutheißen, dass er heute hier sei. Er ist aus Hamburg angereist, um seiner Trauer Ausdruck zu verleihen. Am selben Abend fährt er wieder zurück.

Herr Rosenkranz spricht in einem sanften, freundlichen Ton. Er, der "Arbeiter in einem großen Industriebetrieb", würde sich sogar einen Monat frei nehmen, um persönlich und freiwillig die Grenze zu schützen. In der DDR, aus der er kommt, habe es nie Probleme auf Weihnachtsmärkten gegeben. Heute gebe es Terror, die Stadt sei vermüllt, die Sprache der Jugend verroht. Es sei nicht mehr sein Deutschland. Vorbilder gebe es keine mehr, auch nicht die Politiker, die heute vorne stehen. Nur Otto von Bismarck, der war vielleicht noch ein echter Staatsmann, aber das sei lange her.