Unmittelbar nach dem Anschlag in Berlin waren es im Netz und auf den Straßen, aber auch in offiziellen Botschaften an die Bundesregierung zu finden: Mitgefühl. Es gehört, genauso wie die anscheinend unvermeidlichen Kommentare von rechts, fast ritualisiert zur Reaktion vieler Bürger und Politiker auf die Geschehnisse unserer Zeit. Das Mitgefühl erfüllt im öffentlichen Raum nicht nur die wertvolle Funktion der Anteilnahme und des politischen Bekenntnisses nach außen, sondern wirkt auch als Gefühl von Zusammenhalt nach innen.

Doch in diesem Jahr hat sich gezeigt: Das Mitgefühl ist eine mächtige politische Emotion, die wir im Auge behalten sollten – weil damit sowohl Potenziale als auch Gefahren für die Demokratie verbunden sind.

Nehmen wir als Beispiel die US-amerikanische Präsidentenwahl: Hillary Clinton setzte in ihren Kampagnen auffällig stark auf emotionale Bilder und Slogans, die mit Mitgefühl und Nächstenliebe assoziiert werden konnten. Damit versuchte die Demokratin, die oft – wie viele andere Politikerinnen auch – als emotionslos kritisiert wurde, sich offenbar gezielt gegen die Ängste und Aggressionen (insbesondere gegenüber Einwanderern und Frauen) abzugrenzen, mit denen Donald Trump Wahlkampf gemacht hatte.

Nach der Wahl nun mahnen viele Kommentatoren Verständnis, mehr noch, Mitgefühl für diejenigen an, die sich abgehängt oder schlichtweg nicht repräsentiert gefühlt und deshalb Trump gewählt haben. Das Mitgefühl soll helfen, die Spaltung der US-amerikanischen Wählerschaft auf individueller Ebene zu kitten.

Diese Strategie stößt auf Widerstand. In ihrem feministischen "Lenny"-Newsletter äußerte beispielsweise die US-Schauspielerin Lena Dunham kurz nach der Wahl ihren Unmut darüber: Es sei eben nicht Aufgabe von Frauen, People of Color und queeren beziehungsweise transsexuellen Amerikanern, sich in diejenigen einzufühlen, die für Donald Trump gestimmt hätten. "Es ist wirklich anstrengend genug, über den Hass der vielen Bescheid zu wissen und ihn zu ertragen", schreibt Dunham. Den Appell, mitzufühlen, erleben viele, die von Sexismus und Rassismus betroffen sind, nicht als Mittel für ein besseres Zusammenleben, sondern vielmehr als einen offenen Affront.

In der Flüchtlingsdebatte wird das Mitgefühl instrumentalisiert

Aber nicht nur in den USA ist das Mitgefühl als eine mächtige und durchaus ambivalente politische Emotion sichtbar geworden, sondern auch bei uns: Diejenigen, die kategorisch die Aufnahme von Geflüchteten befürworten, fordern neben konkreten bürokratischen Erleichterungen oft auch eine generell mitfühlendere Kultur gegenüber Menschen, die fliehen mussten. Persönliche Geschichten von Geflüchteten und mittlerweile zu Ikonen gewordene Bilder sind dabei Hilfsmittel, um diese politische Agenda voranzutreiben. Beispiele dafür sind die Aufnahmen, die den im Mittelmeer ertrunkenen syrischen Jungen Alan zeigen, oder den jungen Omran aus Aleppo, der mit Staub und Blut bedeckt in einem Rettungswagen sitzt.