Als ob es so einfach wäre. Die Schwäche der Linken in der westlichen Welt (belegt durch die Niederlagen von Bernie Sanders und Hillary Clinton oder durch die Blässe der britischen Labour Partei) gilt als eine Erklärung für das Wiedererstarken der rechten, nationalistischen Strömungen, von den rasseverherrlichenden Gruppen in den USA bis hin zur populistischen Bewegung Fünf Sterne in Italien. An dieser Behauptung ist nicht alles falsch, aber sie allein kann weder das gesamte Ausmaß der aktuellen Entwicklungen umfassen noch ist sie die am nächsten liegende Erklärung. Vielmehr stimmt etwas anderes: Das Erstarken der Rechten ist eine Krise des Konservativen.

Der Nationalismus und seine Pflege liegen in der Domäne der Bürgerlichen. So war es bisher und so ist es auch heute noch. Das Erstarken der neuen Rechten ist daher zuerst einmal ein Stachel im Fleisch der Konservativen. Der französische Spitzenkandidat der Bürgerlichen muss sich deshalb in seiner Rhetorik und Programmatik von den Hirngespinsten Marine Le Pens inspirieren lassen, um nicht ganz beim Wahlvolk durchzufallen. In Deutschland nimmt das Diktum des CSU-Übervaters Franz Josef Strauß immer noch einen breiten Raum ein: rechts von der CSU darf es nichts geben. Und auch in der Union außerhalb Bayerns gilt diese Devise für konservative Landesverbände der CDU. Die Frage lautet: Wird die Krise des Konservativen dadurch verlangsamt oder gar gestoppt?

Der Blick geht nach Österreich, wo das Wahlvolk dieses Jahr verhindert hat, dass erstmals ein rechtspopulistischer Kandidat Staatsoberhaupt wird. Ein einheitliches konservatives Lager gibt es in der Alpenrepublik schon lange nicht mehr, sodass für viele "Bürgerliche" nunmehr nur der Kandidat der Grünen, Alexander Van der Bellen, wählbar war. In allen Teilen der westlichen Welt war das Aufatmen zu hören: Nach den Krisen dieses Jahres hätte die Wahl eines Faschisten in Österreich dem Abgesang auf die liberale Demokratie eine neue Strophe hinzugefügt. Das für jeden Anhänger der liberalen Demokratie gute Wahlergebnis markiert dennoch mit Leuchtschrift, was die Krise des Konservativen ist: Denn trotz des Wahlsieges haben 46 Prozent der Österreicher für den Ultra-Nationalisten gestimmt.

Nun, wir sehen: Die Österreich-Wahl ist also kein Erfolg für die Konservativen. Aber was heißt es denn eigentlich, konservativ zu sein? Vor rund 15 Jahren hatte in Deutschland Friedrich Merz die Idee von der Leitkultur. Um diese zu propagieren, ließ er sich gerne mit Frau und Kindern beim Musizieren filmen. Ein konservatives Familienbild war das (Vater, Mutter, zwei Kinder). Zweifelsohne und ohne sich dafür entschuldigen zu müssen, ist dieses Bild noch für viele Menschen maßgeblich. Es taugt aber nicht alleine, um zu erklären, was heute Konservativsein bedeutet. Es stellen sich nämlich Fragen.

Wenn man heute konservativ ist, wie zum Beispiel den Neoliberalismus sehen? Oder das Klimaprotokoll von Paris? Oder das Freihandelsabkommen TTIP? Oder die Abschaffung der Wehrpflicht? Oder die "Ehe für alle"? In der globalisierten und digitalisierten Moderne zu leben, ist für viele Konservative unstrittig. Aber was heute ein konservatives Weltbild auszeichnet und was eine konservative Weltanschauung, darüber gibt es weder Einigkeit noch ausreichend Disput. Und die Frage nach dem Ob und dem Inhalt einer deutschen Leitkultur ist in Deutschland längst noch nicht abgeschlossen.

Viele Konservative retten sich, in der Bundesrepublik wie andernorts, wenn es um die Definition ihrer Weltanschauung geht, in Bereiche wie Verfassungspatriotismus, Konstitutionalismus oder sie beschwören den Säkularismus als Säule einer liberalen Demokratie. Das ist ehrbar, aber das sind Ideen, die eher im Bereich des Liberalismus (der ja Überschneidungen mit dem Konservativismus hat) zu Hause sind. Wenn Angela Merkel einmal nicht mehr Vorsitzende der CDU Deutschlands sein wird, wird die Identitätskrise ihrer Partei brutal zum Vorschein kommen.