Vielleicht war es doch keine so gute Idee des römischen Kaisers Claudius, auch noch Groß-Britannien zu erobern. Wenige Jahrzehnte danach reichte das Römische Reich von Schottland bis zum Sudan, vom Kaukasus bis zur Iberischen Halbinsel – ein Territorium, das mit riesigem Einsatz von Geld, Material und Menschen verteidigt werden musste.

Rund 2.000 Jahre später fand ein US-amerikanischer Wissenschaftler einen Begriff für die Selbstüberforderung einer Großmacht, die zu viel auf einmal will und sich beim Einsatz ihrer Ressourcen verzettelt: "imperial overstretch". Das Phänomen gilt als Vorstufe für den Verfall von Großreichen. In einem anderen Imperium, nämlich in den USA, diskutieren liberale Meinungsführer seit der Präsidentenwahl, ob ihre eigene Selbstgerechtigkeit und ihre Blindheit für die Nöte der Trump-Wähler dessen Erfolg erst möglich gemacht haben. Wer die Debatte verfolgt, könnte auf die Idee kommen, dass eine Art moralischer "imperial overstretch" vorlag: Die liberalen Kräfte wollten überall zugleich auf dem Globus des Fortschritts präsent sein, zu viel Ziele zu schnell erreichen, ohne aber über die Mittel zu verfügen, überraschende Attacken zurückzuschlagen.

Das Phänomen "imperial overstretch" ist nicht auf die USA beschränkt. Denn niemand wird eine Gesellschaft voranbringen, der für die Brüche des Fortschritts kein Verständnis hat. Auch die Durchsetzung von Rechten und die Beendigung von Diskriminierung, auch Emanzipationsgewinne produzieren Verlierer – zumindest gefühlte Verlierer, die gewaltige politische Kraft entwickeln können.

Die Wahl Obamas galt als Durchbruch – aber nicht für alle

So hat etwa der Berliner Politikwissenschaftler Timo Lochocki die Erfahrung westeuropäischer Sozialdemokraten mit Migrations- und Asylfragen untersucht. Sein Ergebnis: Überall dort, wo das Flüchtlingsthema die Debatte dominierte und die Sozialdemokraten sich mit ihrem humanitär-progressiven Kurs durchsetzten, statt Kompromisse zur Begrenzung von Zuwanderung zu schmieden, verloren sie mittelfristig die Mehrheitsfähigkeit. Jene sozialdemokratischen Wähler eher autoritärer Prägung, die sich nicht mehr vertreten sahen, suchten sich andere Repräsentanten.

Die Wahl des ersten schwarzen Präsidenten in den USA war ein von der liberalen Welt gefeierter Durchbruch. Doch nach dem Urteil vieler Analytiker verstärkte sie die Ressentiments und die Wut der abgehängten weißen Unterschicht. Traditionell hatten deren Angehörige ihr Selbstbewusstsein daraus bezogen, dass sie auf die Gruppe heruntersehen konnten, deren Vertreter nun ins Weiße Haus einzog. Nun fühlte sich die "white working class" vollends abgehängt und wurde für Trumps Versprechen anfällig – erst recht, als sie sich auch noch mit einer weiblichen Kandidatin der Demokraten konfrontiert sahen. Eine Präsidentin war in ihrem traditionellen Rollenbild der Frau nicht vorgesehen, das machte ihnen Angst – und sie wehrten sich mit dem Stimmzettel.

Solche Vorurteile gegen Afroamerikaner oder Frauen lehnt jeder Anhänger einer offenen Gesellschaft entschieden ab. Doch die bloße moralische Verurteilung solcher dumpfen Haltungen und Gefühlslagen durch eine gebildete Elite ändert überhaupt nichts daran, dass Millionen von Menschen sich genau davon leiten lassen. Wie also besser mit solchen Widerständen umgehen?

Die Klügeren unter den Atheisten bestreiten zwar die Existenz Gottes, akzeptieren aber Religion als soziale Tatsache. Ähnlich sollten die Klügeren unter den Verteidigern des Fortschritts sich verhalten: Sie können mehr erreichen, wenn sie die Ablehnung der kulturellen Moderne als Tatsache akzeptieren und deshalb viel genauer auf die Wirkung der eigenen Überzeugungsversuche schauen können. Wer aber ein Monopol der eigenen Urteile im öffentlichen Diskurs durchsetzen will und damit den Eindruck von Indoktrination erweckt, macht die Gegenkräfte stark.