Das gesamte Ausmaß, der volle Buzz, den Unicepta ermittelt hat, ist um ein Vielfaches größer, zusammen eben 17.000 Beiträge groß. Unter anderem erscheinen in Deutschland rund 30 Artikel in den Printausgaben von Zeitungen und Magazinen, die sich mit dem Gerücht über Macron beschäftigen, mit den politischen Folgen für ihn, mit der Frage, welchen Einfluss die russische Einmischung in den Wahlkampf hat. Denn Sputnik, das Onlineportal, bei dem alles anfing, wird vom russischen Staat finanziell unterstützt und verbreitet gezielt Desinformationen.

Aus russischer Perspektive ist der Beitrag auf Sputnik ein kleines Gefecht in einem großen Informationskrieg. Die Details dieser Strategie hat der russische Generalstabschef einmal beschrieben – im Februar 2013, in einem Essay für die Wochenzeitung Militärisch-Industrieller Bote. Waleri Wassiljewitsch Gerassimow schreibt dort, nichtmilitärische Mittel seien bedeutender denn je, sogar bedeutender als Waffen. Dazu zählt Gerassimow explizit die Kommunikation. Anders gesagt: Kriege gewinne nicht mehr unbedingt, wer mehr Waffen besitzt. Kriege gewinne auch, wer den Gegner erfolgreich desinformiert. Verwirrt. Und damit schwächt. Zu dieser Strategie des russischen Staates gehört es seither, ein ganzes Netzwerk von prorussischen Propagandaseiten rund um den Fernsehsender RT aufzubauen, die oft nicht einmal mehr vorgeben, journalistische Standards einzuhalten. Sputnik gehört zu diesem Netzwerk.

Der Cybersecurityforscher Sandro Gaycken beobachtet das russische Vorgehen im Kampf um die Deutung der Welt seit dieser Zeit. Heute leitet er das Institut für Digitale Gesellschaft an der privaten, industriefinanzierten Elitehochschule ESMT in Berlin. Er sagt: "Der russische Geheimdienst ist gut darin, Erzählungen, Narrative aufbauen, und damit ganze Gruppen zu beeinflussen." Das hätten sie schon zu Zeiten der Sowjetunion beherrscht und "sie haben diese Fähigkeiten in die digitale Welt übertragen". Gaycken beobachtet, die russische Seite setze dabei "sehr gerne auf Minderheitenmeinungen, die ihnen passen. Die stützen sie und bauen sie auf". Genau das ist im Fall von Macron geschehen, als Sputnik einen unbedeutenden französischen Abgeordneten interviewte.

Mit Blick auf die anstehenden Bundestagswahlen in Deutschland und eine mögliche Einflussnahme durch russisch gesteuerte Fake-News, sagt Gaycken: Ein schwächeres Deutschland in einer zerstrittenen Europäischen Union, das würde genau in die "große Strategie" der russischen Regierung passen. Der deutsche Forscher sagt über seinen jahrelangen Austausch mit russischen Cybersicherheitsverantwortlichen: "Ich nehme sie als knallharte Realpolitiker wahr. Ihr großes Ziel ist eindeutig, die USA und Europa auseinanderzutreiben. Sie wollen die Nato schwächen und auch die Europäische Union." Ein zerrüttetes Europa könnte auf der Weltbühne seine Werte gegenüber Russland nicht mehr in gleichem Maße wie bisher verteidigen und durchsetzen. In diesem Sinne wäre ein weniger starkes Deutschland ein gutes Deutschland. Und ein politisch gespaltenes Frankreich ein wünschenswertes Ziel.

Nicht exakt zu steuern

Allerdings weist Gaycken darauf hin, dass die Russen die Folgen einzelner Fake-News nicht exakt steuern könnten. Zum einen sind die heutigen Kommunikationswege zu komplex, als dass man sie vorhersehen könnte, wie die Grafiken zeigen. "Zum anderen ist für die Platzierung einer erfolgreichen Desinformation ein tiefes kulturelles Verständnis der Zielgesellschaft notwendig. Und dieses Verständnis ist erfahrungsgemäß begrenzt." Das war auch im Fall Macron so.

Denn in Frankreich hat sich der Vorwurf, der Präsidentschaftskandidat sei heimlich homosexuell, nicht als politisches Todesurteil erwiesen. Als sich Macron am 6. Februar äußert, tut er das offensiv und macht Witze über den Vorwurf. Ob man sich vorstellen könne, dass er neben dem Wahlkampf und seiner Ehe auch noch ein geheimes Doppelleben führe. Ob jemand ein Hologramm von ihm gesehen haben wolle. Ab diesem Zeitpunkt dreht sich die Diskussion und statt darüber zu diskutieren, ob an dem Gerücht etwas dran sei, thematisieren die französischen Medien seither zunehmend, ob und wie Russland versuche, die Wahl zu manipulieren.

“Es gibt einfache Tricks, um Desinformation zu erkennen” Ruurd Oosterwoud entwickelt mit anderen zusammen einen Fake-News-Generator. Die Idee entstand während des Referendums im vergangenen Jahr, als prorussische Falschmeldungen Stimmung gegen die Ukraine erzeugten.