Trumps bester Feind – Seite 1

Schon länger wird der Republikaner John McCain in Washington nur der Maverick genannt. Es ist die perfekte Rolle für den widerspenstigen 80-Jährigen: Der ursprüngliche Maverick war ein Texaner, der sich weigerte, seine Kälber zu brandmarken. Anders als viele seiner Parteikollegen, die es sich mit ihrem frisch gewählten Präsidenten nicht gleich verderben wollen, genießt McCain seine Alleingänge geradezu.

Der Senator für den Bundesstaat Arizona nannte Trumps über Nacht verhängtes Einreiseverbot für Besucher aus sieben mehrheitlich muslimischen Ländern "eine selbstzugefügte Wunde im Kampf gegen den Terrorismus". Trumps Absage des Freihandelsabkommens TPP, das die Führungsrolle der USA im pazifischen Raum stärken sollte, kritisierte McCain als "schweren Fehler" und die Idee einer Importsteuer für Produkte aus Mexiko bezeichnete er schlicht als "irrsinnig".

Auch in grundsätzlichen Fragen der Außenpolitik widerspricht McCain dem neuen Präsidenten. Er sieht etwa in Russland einen gefährlichen Gegner, Trump einen potenziellen strategischen Partner. McCain äußerte schwere Bedenken gegen Rex Tillerson, Trumps neuen Außenminister. Der ehemalige Vorstandschef des Ölkonzerns Exxon sei womöglich zu eng mit Putin befreundet. "Putin ist ein Gangster, ein Tyrann und ein Mörder, und jeder, der ihn anders darstellt, lügt", sagte McCain dem TV-Sender Fox.

Folter in fünf Jahren Gefangenschaft

Schon im Wahlkampf sind Trump und McCain aneinandergeraten. McCain war im Vietnamkrieg. Sein Flugzeug wurde abgeschossen und McCain, der beide Arme und ein Bein gebrochen hatte, wurde von den Nordvietnamesen gefasst. Während seiner mehr als fünfjährigen Gefangenschaft wurde McCain gefoltert. Trump, in jungen Jahren ein aktiver Football- und Baseballspieler, der nach eigenen Angaben wegen eines "Fersensporns" vom Wehrdienst in Vietnam freigestellt wurde, machte sich bei einer Wahlveranstaltung darüber lustig. McCain sei kein Kriegsheld, sagte Trump und fügte hinzu: "Ich mag die, die sich nicht haben schnappen lassen."

McCains Erfahrungen haben dazu geführt, dass er Folter vehement ablehnt. Zu Trumps Ankündigung, das "Waterboarding" wieder einzuführen, bei dem Ersticken unter Wasser simuliert wird, sagte McCain: "Es ist mir egal, was der Präsident will. Wir werden nicht foltern. Das ist das Gesetz."

Nachdem Trump im vergangenen Sommer zum offiziellen Kandidaten der Republikaner gewählt wurde, erklärte McCain, er unterstütze den Kandidaten seiner Partei – ohne Trump beim Namen zu nennen. Doch als im Herbst ein Video in den Medien auftauchte, in dem Trump auf vulgäre Weise beschreibt, wie er mit Frauen umgeht, zog McCain seine Wahlempfehlung für den Immobilienunternehmer zurück. "Wenn Herr Trump Frauen angreift und die Frauen unseres Landes entwürdigt, dann ist der Zeitpunkt erreicht, wo sich unsere Wege trennen."

McCain gewann Wiederwahl in Arizon deutlich

Trump fühlte sich verraten und schoss prompt zurück, der "unflätige" Senator von Arizona habe ihn im Sommer noch angebettelt, er möge ihn bei seiner Wiederwahlkampagne unterstützen. McCain schwieg dazu. Erstmals nach langer Zeit sah sich der Politiker, der seit 34 Jahren im Kongress ist, einem harten Wahlkampf in seinem Heimatstaat ausgesetzt. Doch McCain ging als Sieger hervor und vertritt nun für weitere sechs Jahre Arizona im Senat. Er gewann seinen Senatssitz mit einem deutlicheren Vorsprung, als Trump von den Wählern in Arizona gewählt wurde. Das dürfte den Maverick nur bestärkt haben, dem Präsidenten Paroli zu bieten.

McCain stammt aus einer Militärfamilie. Vater und Großvater waren Viersterneadmiräle, er selbst ist Absolvent der Akademie der US-Kriegsmarine. Diese Herkunft prägt McCains Denken. Als Politiker ist er weniger für konkrete Gesetzesvorhaben bekannt, ja nicht einmal für eine bestimmte Agenda. McCain kämpft für das Gute und gegen die Bösen. Dabei kann man in der Sache verlieren, aber man muss die Ehre wahren. So gehörte McCain zu den lautstärksten Gegnern der Tabakindustrie. Es focht ihn nicht an, dass er gegen deren Einfluss in Washington zunächst wenig ausrichten konnte. Im Gegensatz zu seinen Parteikollegen hat sich McCain für eine Reform ausgesprochen, die den Einfluss von großen Spendern limitieren soll.

Kritiker werfen McCain Verrat an seinen Prinzipien vor

Allerdings ist McCain auch nicht ganz frei von Skandalen geblieben. Als die Lincoln Savings and Loan Bank 1989 zusammenbrach, kostete das den amerikanischen Steuerzahler rund drei Milliarden Dollar. Daraufhin prüften staatliche Ermittler den Chef der Bank, Charles Keating. Doch fünf Senatoren – darunter auch McCain – griffen ein, um Keating vor den Strafverfolgern zu schützen. Es gab eine Untersuchung wegen Korruption, aber keiner der Senatoren trat zurück. McCain hatte Wahlspenden von Keating entgegengenommen.

Über die vergangenen Jahrzehnte ist McCain wie der Rest seiner Partei immer weiter nach rechts gedriftet. Dabei hat er in wichtigen Fragen seinen Standpunkt komplett gewechselt – oder wie Kritiker meinen, seine Prinzipien verraten. Etwa zum Thema Einwanderung. McCain war ein früher Unterstützer einer Einwanderungsreform, die eine Einbürgerung möglich gemacht hätte. Doch zuletzt stimmte er sogar dagegen, Kindern von Immigranten, die von ihren Eltern als Minderjährige ins Land geschmuggelt wurden, ein Bleiberecht zu geben.

Schmutzkampagne im Wahlkampf

Auch in Sachen Klimawandel war McCain einst bereit, mit den Demokraten entsprechende Gesetze zu verabschieden. Inzwischen behauptet er, er habe diese Vorschläge niemals gemacht. Zu McCains Schwächen, die er selbst eingesteht, gehörte seine Ambition, Präsident zu werden. Diesem Ziel habe er alles untergeordnet. Zweimal hat er es versucht und ist dabei gescheitert. Diese Erlebnisse veränderten den Mann. Das erste Mal trat McCain im Jahr 2000 bei den Vorwahlen gegen George W. Bush an. Der begann eine Schmutzkampagne gegen ihn. Unter anderem verbreiteten Bushs Wahlhelfer die Botschaft, seine Ehefrau Cindy sei eine Drogenabhängige. Sie war in der Vergangenheit abhängig von Schmerzmitteln gewesen.

Angebliche Vietnam-Veteranen behaupteten, McCain habe sein Land während seiner Gefangenschaft verraten. McCain weigerte sich, mit ähnlich negativen Einlassungen zu antworten. Er verlor gegen Bush, der dann erst der republikanische Kandidat und später – trotz der umstrittenen Wahlergebnisse – Präsident wurde. Anfänglich bekämpfte McCain seinen einstigen Rivalen weiter. So lehnte er dessen Steuererleichterungen ab. Doch dann schloss er einen Pakt mit der Parteiführung: Er würde Bush bei der Wiederwahl 2004 unterstützen und dafür würde man ihm helfen, 2008 als Kandidat anzutreten.

Und so trat der Washingtoner Oldtimer McCain 2008 gegen den jungen Senator Barack Obama aus Chicago an. Dieses Mal war es McCain, der eine schmutzige Kampagne führte. Obama war einst im Vorstand zweier gemeinnütziger Vereine, zu dem auch William Ayers gehörte, der Gründer der linken Studentenbewegung Weather Underground, die Bomben gelegt hatte, um den Krieg in Vietnam zu stoppen. In Flugblättern und auf Kaffeetassen beschrieben McCains Leute Ayers mit den Worten: "Terrorist, Radikaler. Freund von Obama".

Und McCain machte Sarah Palin, die ehemalige Gouverneurin von Alaska, zu seiner Kandidatin für die Vizepräsidentschaft. Palin, beliebt bei den Anhängern der populistischen Tea Party, ging noch weiter. Obama hänge mit Terroristen ab. Bei Veranstaltungen schrien Anhänger der beiden Kandidaten "Verräter", "Umbringen" oder "Kopf ab", wann immer Obamas Name fiel. Einmal nahm McCain seinen Konkurrenten gegen diese Ausfälle in Schutz. Als eine Frau Obama einen "unzuverlässigen Araber" nannte, widersprach ein sichtlich erschütterter McCain: "Nein, er ist ein guter Familienvater". Doch seine bewusst andeutungsvolle Frage "Wer ist Barack Obama in Wirklichkeit?" bereitete den Weg für Donald Trumps spätere Versuche, Obama als illegitimen Präsidenten darzustellen, da er nicht in den USA geboren worden sei.

Nachdem die New York Times kritisch über Verbindungen zwischen Lobbyisten und einem Mitarbeiter von McCain berichtet hatte, begannen er und seine Wahlhelfer, die "liberalen Medien" anzugreifen. McCain habe sich in die Art Politiker verwandelt, die er einst verachtet habe, urteilte die Washington Post. Langjährige Weggefährten McCains zeigten sich entsetzt über dessen Veränderung, wie sie dem New-Yorker-Magazin anvertrauten. Der Bericht trug den vielsagenden Titel "Der Sturz". Damals verlor McCain deutlich gegen Obama.

Präsident wird McCain nun nicht mehr werden. Und so scheint er entschlossen, wenigstens als der Maverick in der Trump-Ära sein politisches Erbe zu sichern.