Die Angreifer schießen mit einem Sturmgewehr und einem Revolver auf den Radiomoderator. Neun Kugeln treffen den Mann in den Kopf und in die Brust. Er galt als einer der prominentesten Kritiker des inzwischen zum philippinischen Präsidenten aufgestiegenen Rodrigo Duterte. Noch vor dem Eintreffen im Krankenhaus stirbt er. Fast anderthalb Jahrzehnte sind seit diesem Mord vergangen. Aufgeklärt wurde er nicht. Doch nun gibt es das Geständnis eines Mannes, das für den philippinischen Präsidenten Duterte zum Problem wird.

Arturo Lascañas heißt der Mann, der auf den Philippinen binnen einer Woche zum wichtigsten Kronzeugen gegen den mächtigsten Mann des Landes geworden ist. Lascañas ist 56 Jahre alt, seit Dezember befindet er sich im Ruhestand. Sein Berufsleben verbrachte er als Polizist in Davao City – der Heimat von Dutertes, der dort mit Unterbrechungen seit 1988 bis zu seiner Wahl zum Präsidenten im vergangenen Jahr als Bürgermeister regierte. Eine Blutspur begleitete die Karriere des Politikers: Während Dutertes Zeit in Davao ermordeten paramilitärische Gruppen laut Menschenrechtsaktivisten mehr als 1.000 Menschen. Seit seinem Amtsantritt im Präsidentenpalast starben mehr als 7.000 mutmaßliche Drogenkriminelle – teils bei Polizeieinsätzen, teils erschossen von Unbekannten.

Lascañas will auf Befehl von Duterte gemordet haben

Den Vorwurf, dass Duterte die Erschießungen von mutmaßlichen Verbrechern nicht nur hinnahm, sondern selbst veranlasste, erheben seine Kritiker schon länger. Was Lascañas in wenigen Tagen vor einem Senatsausschuss aussagen will geht aber darüber hinaus. Er behauptet, einer der Anführer der Todesschwadronen in Davao gewesen zu sein und im Auftrag von Duterte gegen Bezahlung auch Unschuldige ermordet zu haben.

Lascañas schriftliche Beichte – eine am Montag veröffentlichte eidesstattliche Erklärung, die er vor der geplanten Senatsanhörung abgab – liest sich wie eine brutale Kriminalgeschichte. "Es gibt einen Vorfall, den ich besonders schwer vergessen kann", heißt es zu Beginn des Dokuments. In den folgenden Zeilen erzählt Lascañas von einem Entführungsfall in Davao City. Nach monatelanger Fahndung sei es ihm und seinen Kollegen gelungen, einen mutmaßlichen Drahtzieher festzunehmen. Auch dessen Familie – seine schwangere Frau, der vier oder fünf Jahre alte Sohn sowie der 70-jährige Schwiegervater – seien in Polizeigewahrsam genommen worden.

In Anwesenheit von Duterte habe ein lokaler Polizeichef von den Beamten gefordert, den Verdächtigen und seine Familie auszulöschen. Duterte, für den die Polizisten den Codenamen "Superman" gewählt hatten, soll hinzugefügt haben: "Passt aber auf, dass es sauber abläuft." Wenige Stunden später hatten die Polizisten laut Lascañas die Familie erschossen und die Leichen vergraben. Sie töteten dem Bericht zufolge auch das Kind, um keine Zeugen zu hinterlassen.

Duterte bestätigte am Montag, Lascañas zu kennen. Ein- bis zweimal im Jahr habe er den Polizisten während seiner Amtszeit in Davao getroffen. Der Präsident streitet auch nicht ab, dass es damals zu Hunderten Toten kam – er brüstet sich regelrecht mit dem brutalen Vorgehen, das er seinen Einsatzkräften in der Kriminalitätsbekämpfung angeordnet hat. Seiner Darstellung zufolge traf es aber nur Verbrecher – zudem habe er niemals dafür bezahlt, jemanden zu töten.

Die Berichte von Lascañas widersprechen seiner Darstellung. "Am Anfang nahmen wir Drogensüchtige, Dealer und Entführer ins Visier", heißt es in seinem schriftlichen Geständnis, das er vergangene Woche bereits auszugsweise auf einer Pressekonferenz präsentierte. Später seien die Todesschwadronen von Duterte angewiesen worden, auf seine persönlichen und politischen Gegner abzuzielen. "Wir wurden zu Auftragsmördern, die nicht nur Kriminelle, sondern auch Unschuldige töteten."