Man stutzt. Im Economist, der weltweit angesehenen britischen Zeitschrift, taucht auf Seite 19 der jüngsten Ausgabe plötzlich eine nichtenglische Überschrift auf: "Eine deutsche Atombombe?" Mit ziemlicher Verspätung und unziemlicher Zuspitzung befasst sich das Blatt in dem Artikel mit einem Thema, das vor vier Monaten ein paar Tage lang Wellen schlug, seitdem aber wieder aus der Diskussion verschwunden ist.

Der FAZ-Herausgeber Berthold Kohler und der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter hatten den Stein im November ins Wasser geworfen. Den Anlass dazu gab ihnen der neugewählte amerikanische Präsident Donald Trump mit Äußerungen, dass die USA den atomaren Abschreckungsschirm über Europa zuklappen und die Alte Welt sich selbst überlassen könnten.

Kiesewetter sprach sich bei der Nachrichtenagentur Reuters für eine europäische Abschreckung aus, die im Wesentlichen von Deutschland finanziert würde. Das stehe noch nicht zur Debatte, fügte er kryptisch hinzu, doch es dürfe hier keine Denkverbote geben.

Kohler wurde da um einiges deutlicher. Wenn Trump die Verteidigung Europas den Europäern überlasse, so wäre das mit unangenehmen Folgen verbunden, schrieb er. Als eine dieser Folgen nannte er "das für deutsche Hirne ganz und gar Undenkbare, die Frage einer eigenen Abschreckungsfähigkeit, welche die Zweifel an Amerikas Garantie ausgleichen könnte". Deutsche und europäische Sicherheitspolitiker, die ihrer Verantwortung gerecht werden wollten, müssten sich und ihre Länder für den Fall des Falles vorbereiten.

Holla, denkt man da. Erst recht, wenn dann auch noch Jarosław Kaczyński sich dafür ausspricht, die Europäische Union zu einer Superpower mit einem Atomwaffenarsenal auszubauen, das dem russischen Paroli bieten kann.

Die Bundesregierung hat der Diskussion über das heikle Thema mittlerweile einen Riegel vorgeschoben. Aus gutem Grunde: Es ist eine Phantomdiskussion. Die Berufung des Economist auf einen in England lehrenden Professor Maximilian Terhalle, den hierzulande kaum einer kennt ("Deutschland muss darüber nachdenken, seine eigenen Atombomben anzuschaffen, vielleicht in Zusammenarbeit mit Nachbarn"), ändert daran nichts.

Das Blatt zitiert Josef Joffe, aus einem Artikel aus dem Jahre 1984, der in keinerlei Zusammenhang mit der Nuklearfrage steht. Unverständlicherweise zitiert es nicht eine aktuelle Zeitgeist-Kolumne des ZEIT-Herausgebers. Darin erklärte Joffe überzeugend, warum Deutschland die Bombe nicht will und nicht bauen kann und warum auch die "europäische Option" eine Schimäre ist, solange es keinen europäischen Bundesstaat gibt (was ja auch Kaczyński einräumte, als er sagte: "Die Idee einer europäischen Nation ist aus der Luft gegriffen.").

Niemand will die Kernwaffen

Ich fasse die Argumente Joffes hier noch einmal zusammen und ergänze sie aus meiner Sicht um einige Aspekte.

1. Die Bundesrepublik Deutschland hat in drei Verträgen auf die Herstellung und den Besitz von Atomwaffen sowie die Verfügungsgewalt verzichtet: in dem WEU-Vertrag von 1954, dem Nichtverbreitungsvertrag (Atomsperrvertrag) von 1968 und dem Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990, der die Wiedervereinigung international einbettete. Franz-Josef Strauß hat in den späten 1950er Jahren versucht, zusammen mit Frankreich und Italien ein Projekt zur gemeinsamen Entwicklung und Produktion von Atomwaffen auf die Beine zu stellen. Charles de Gaulle stoppte es als französischer Staatspräsident nach seiner Rückkehr an die Macht im Jahre 1958 – gemäß seinem von Joffe zitierten Grundsatz "Le nucléaire ne se partage pas", die Entscheidung über Leben und Tod einer Nation lässt sich nicht mit anderen teilen.

2. Bisher hat nur ein einziger Unterzeichnerstaat den Atomsperrvertrag wieder gekündigt, um eigene Kernwaffen zu entwickeln: Nordkorea. Wollte die Bundesrepublik diesem Beispiel folgen, so könnte dies ein nukleares Wettrüsten auslösen, bei dem es am Ende weit mehr als die heutigen neun Atommächte gäbe. Die Welt würde dadurch nicht sicherer.

3. Deutschland verfügt nicht mehr über die technische Infrastruktur zur Atomwaffenproduktion. Den unverzichtbaren Brennstoffzyklus – Urananreicherung, Brennelemente, Wiederaufarbeitung, Schnelle Brüter zur Erzeugung spaltbaren Materials – wieder aufzubauen, würde Jahrzehnte dauern.

4. Die Kosten einer deutschen Atomrüstung ginge in die Billionen, erst recht der Aufbau eines europäischen Arsenals, das 20-mal größer wäre als die französische force de frappe, um darüber hinaus den 2.000 bis 3.000 taktischen Atomwaffen Russlands Gleichwertiges entgegenzusetzen. Auch Kaczyński glaubt nicht, dass die nötigen Gelder aufgebracht werden können.

5. Für deutsche Atomwaffen gibt es in der Bevölkerung keine Unterstützung. Nach Umfragen sind 93 Prozent der Deutschen für ein völkerrechtliches Verbot von Kernwaffen; 85 Prozent befürworten einen Abzug der rund 20 noch in der Eifel gelagerten amerikanischen nuklearen Sprengköpfe. Eine Atombewaffnung der Bundeswehr würde einen Sturm des Aufruhrs auslösen, gegen den sich die einstigen Nachrüstungsdemos wie laue Protestlüftchen ausnehmen würden.

6. Ohne die technische Unterstützung durch die Vereinigten Staaten würden wohl weder eine deutsche noch eine europäische Atomstreitmacht auskommen. Frankreichs und Englands Abschreckungsarsenale sind bis heute davon abhängig. Mit der Loslösung von Amerika wäre es also nicht weit her.

Wer da "Keine Denkverbote!" postuliert, der darf diese Argumente bei seinem Nachdenken nicht aussparen. Und wenn er ehrlich ist zu sich selbst, kann er nur zu einem einzigen Schluss gelangen, dem Schluss von Josef Joffe: "Heute ist die 'nukleare Option' weder Träume noch Albträume wert."

Statt ihnen nachzuhängen, empfiehlt es sich, unsere konventionellen Streitkräfte – die deutschen wie die anderen europäischen – so auszurüsten, dass die Flugzeuge und Hubschrauber fliegen, die Panzer fahren, die Gewehre geradeaus schießen. Und die Abschreckung – digital, nicht nuklear – vor allem in den Cyberraum zu verlegen.