Schon weit vor der US-Wahl hatte der frühere Schachweltmeister und politische Dissident Garri Kasparow davor gewarnt, dass Wladimir Putin die Demokratie untergraben will. Und zwar nicht nur in Russland, sondern auch in den Nachbarländern, womöglich in der ganzen westlichen Welt. Damals wurde er als Spinner verlacht. Als Russland dann die Server der Demokratischen Partei in den USA hackte und Unmengen von Falschmeldungen verbreitete, wurden seine Warnungen schließlich als sehr vorausschauend anerkannt. Aber erst seit einigen Wochen werden die wirklichen Dimensionen der russischen Einmischung ersichtlich – weil Journalisten rund um den Globus immer mehr Details aufdecken.

Die US-Presse hat bisher kaum wahrgenommen, wie Russland schon länger vor allem in Europa agiert. Die Aufmerksamkeit der Medien richtet sich momentan verständlicherweise stärker darauf, das ominöse Netz der Verbindungen zwischen dem Kreml und dem Weißen Haus unter Donald Trump zu entflechten.

Russland unterstützt aktiv die rechtsextreme Populistin Marine Le Pen, deren möglicher Sieg in der anstehenden Wahl in Frankreich den Fortbestand der Europäischen Union bedroht. Gegen Emmanuel Macron, den wichtigsten Rivalen Le Pens, hat der Kreml eine bösartige Lügenkampagne gestartet, in der es unter anderem um den falschen Vorwurf einer homosexuellen Affäre mit einem Radiodirektor ging.

Kanadas Außenministerin, der Russlandkritikerin Chrystia Freeland, wurde fälschlich vorgeworfen, sie hege einen über Generationen vererbten Familiengroll gegen Russland und wolle sich nun rächen. In Deutschland pflegt der Kreml enge Verbindungen zur AfD. Und er versucht andere europäische Regierungen zu diskreditieren, dafür, dass sie große Zahlen an Flüchtlingen aufgenommen haben. Immer wieder werden gefälschte Berichte über angebliche Straftaten von Flüchtlingen verbreitet. In Schweden soll ein russisches TV-Team Jugendlichen Geld dafür geboten haben, um vor der Kamera zu randalieren. In Italien hat Putins Partei Vereinigtes Russland mit der rechtsextremen Lega Nord eine Kooperation vereinbart, gleichzeitig begannen Gespräche mit der europakritischen und eher linksgerichteten Fünf-Sterne-Bewegung.

Das Rätsel: Ideologie oder nicht?

Kürzlich titelte die US-Satirezeitschrift The Onion: "Russische Funktionäre sind verwirrt darüber, dass ihr Plan zur Delegitimierung der westlichen Demokratie schneller aufgeht als gedacht". Ein guter Witz. Aber die beängstigende Wahrheit ist, dass Russland durch den eigenen Erfolg bestärkt und nicht verwirrt ist. Nach dem spektakulären Erfolg in den USA vervielfacht das Land nun seine Bemühungen von Kanada bis Kroatien, von Griechenland bis Schweden.

Doch es bleibt etwas Rätselhaftes an all diesen Vorgängen. Im Kalten Krieg boten sich für den Kreml starke ideologische Gründe für den Kampf zwischen den USA und der Sowjetunion um die Dominanz in der Welt. Die Theorie des Sozialismus sagte voraus, dass der Kommunismus die ganze Welt erobern werde. Es gab aber auch einen praktischen Grund für den Export des Kommunismus: Da kapitalistische und kommunistische Länder untereinander kaum Handel trieben, hätte es für die Sowjetunion einen großen ökonomischen Zugewinn bedeutet, wenn eine technologisierte Nation wie Frankreich oder Italien dem kommunistischen Block beigetreten wäre.

Dagegen scheint der Grund für den heutigen Konflikt weniger tief zu liegen. Die Legitimität von Putins Herrschaft hängt nicht davon ab, ob er seine Form des Kumpelkapitalismus weltweit exportieren kann. Auch dürfte er nicht sonderlich ökonomisch von Regierungswechseln profitieren: Solange er noch die Souveränität seiner Nachbarstaaten anerkannte, waren Deutschland oder die USA durchaus offen für Handel mit seinem zunehmend kleptokratischen Regime.