Vor einem türkischen Supermarkt in der Nähe des Checkpoint Charlie in Berlin-Mitte steht ein junger Mann und stapelt Orangen. Von hier aus hat man einen guten Blick auf das große Free-Deniz-Banner auf dem Hochhaus des Springer-Verlags. Doch der Mann will lieber nicht so gerne über den inhaftierten Welt-Journalisten Deniz Yücel sprechen. "Hier ist ein Geschäft, hier wird keine Politik gemacht", sagt er.

Er habe über den Fall Yücel gelesen und der laut hupende Autokorso für den Journalisten, der am Dienstag durch Berlin rollte, sei auch an seinem Supermarkt vorbeigefahren. "Wenn Deniz rauskommt, können wir uns freuen", sagt er, als würde er den Türkeikorrespondenten der Welt gut kennen. Eigentlich seien die Türkei und Deutschland ja gute Freunde, fügt er hinzu, doch jetzt sei die Lage so schwierig – die PKK, der Terror. "Ich kann ja von hier aus auch nichts machen, damit Deniz freikommt", sagt er.

In den vergangenen Tagen hat Yücel, der seit Montagabend in der Türkei in Untersuchungshaft sitzt, in Deutschland viel Solidarität und Unterstützung erfahren. Autokorsos fanden nicht nur in Berlin, sondern auch in vielen anderen deutschen Städten statt. Vor der türkischen Botschaft gab es eine Protestkundgebung, bei der es nicht nur um Yücel, sondern um die Freilassung aller inhaftierten Journalisten in der Türkei ging und um die Einschränkung der Meinungsfreiheit im Allgemeinen.

Parteiübergreifend und von vielen verschiedenen Seiten wurde die Inhaftierung des Welt-Korrespondenten scharf kritisiert. Die Bundesregierung forderte die türkische Regierung auf, Yücel, dem Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung vorgeworfen werden, umgehend freizulassen.

Doch wie geht die deutsch-türkische Community in Deutschland mit dem Fall um? Der Grünen-Bundestagsabgeordnete und Parteivorsitzende Cem Özdemir jedenfalls wünscht sich, dass die Deutschtürken sich mit Yücel, aber auch mit den demokratischen Kräften in der Türkei solidarisieren. Bei der anstehenden Abstimmung über die von Präsident Recep Tayyip Erdoğan geplante Verfassungsänderung sollten sie ihre Stimme nutzen und demokratisch wählen, fordert er.

Für viele ist dieser Aufruf gar nicht notwendig. Deutsch-türkische Freunde, Kollegen und Unterstützer von Deniz Yücel waren bei den Autokorsos in vielen Städten dabei, hatten eine Onlinepetition unterschrieben oder waren unter jenen, die vor der türkischen Botschaft Free-Deniz-Schilder hochhielten.

Wer gegen Erdoğan ist, ist gegen die Türkei

Doch es gibt eben auch die anderen, die sich eher mit mit Erdoğan solidarisieren – oder sich lieber nicht entscheiden mögen. "Der Einfluss Ankaras auf die Deutschtürken ist in den vergangenen Jahren gewachsen, und die Spaltung schreitet voran", sagt der Grünen-Abgeordnete Özcan Mutlu, der zur Demonstration vor der Botschaft aufgerufen hatte. Leider gebe es keine demokratischen Auseinandersetzungen mehr. Kritik an Erdoğan werde mit Kritik an der Türkei gleichgesetzt. "Das ist natürlich absurd", findet Mutlu.

Er und andere Unterstützer von Yücel bekommen zwar viele Solidaritätsbekundungen. Aber nicht nur: "Leider erhalten wir auch viele Hassmails von Deutschtürken, die mich als Vaterlandsverräter sehen", sagt Mutlu. "Viele Deutschtürken leben zwar mit den Füßen auf deutschem Boden, aber mit dem Kopf in der Türkei und folgen türkischen Medien, die quasi gleichgeschaltet sind und nur Erdoğan-Propaganda verbreiten." Auf seiner Facebookseite kommentierte jemand unter einem Beitrag zur Demonstration für Yücel: "Ich hab leider das Gefühl, dass alle türkischstämmigen Politiker (in Deutschland, Anmerkung der Redaktion) mit der PKK sympathisieren. Warum sonst unterstützt man einen, der Terrorpropaganda macht?"

Der Grünen-Politiker will die Verantwortung für solche Äußerungen nicht allein auf die türkische Regierung schieben. "Ein Grund ist auch, dass die deutsche Gesellschaft und die Politik jahrzehntelang nicht vermocht haben, diesen Menschen eine neue Heimat zu bieten oder Heimat zu werden", sagt Mutlu.