Es ist eine Eskalation, die sich in Berlin niemand gewünscht hat. Denn der Fall Deniz Yücel bringt das ohnehin schwierige und angespannte deutsch-türkische Verhältnis an seine Belastungsgrenze. Für wie schwerwiegend die Bundesregierung die Verhaftung des Korrespondenten hält, zeigt sich schon daran, dass die Kanzlerin und zwei ihrer Minister das Vorgehen der türkischen Justiz in ungewöhnlich scharfer Form kritisierten.

Die Nachricht von der Anordnung der Untersuchungshaft sei "bitter und enttäuschend", erklärte Merkel. Da Yücel sich der Justiz freiwillig gestellt habe, sei die Maßnahme "unverhältnismäßig hart". Die Bundesregierung erwarte, dass die türkische Justiz im Fall Yücel den hohen Wert der Pressefreiheit berücksichtige. Ähnlich kritisch äußerten sich auch Außenminister Sigmar Gabriel und Justizminister Heiko Maas (beide SPD).

Türkischer Botschafter zu einem Gespräch ins Auswärtige Amt gebeten

Der türkische Botschafter in Deutschland, Kemal Aydin, wurde wegen der Inhaftierung Yücels ins Auswärtige Amt zu einem Gespräch gebeten. Gabriel sagte, dass Staatsminister Walter Lindner in seinem Auftrag mit dem Botschafter ein Gespräch geführt habe.

Das Vorgehen gegen den deutsch-türkischen Journalisten hat in Deutschland eine breite Protest- und Sympathiebewegung ausgelöst, die sich nun über den Umgang der Türkei mit der Pressefreiheit empört. 160 Bundestagsabgeordnete schrieben an den türkischen Botschafter. Menschenrechtsorganisationen, Journalistenverbände, Künstler, Intellektuelle und private Initiativen (#FreeDeniz) protestieren.

Der Fall Yücel ist zum Test geworden

Aus deutscher Sicht ist der Umgang mit Yücel zu einer Art Test geworden, ob die Türkei auf dem Weg in die Autokratie noch innehalten will. "Die türkische Führung muss wissen: Das ist nicht irgendein Fall, sondern wir werden uns mit allen Möglichkeiten, die uns rechtlich, aber auch politisch zur Verfügung stehen, dafür einsetzen, dass Herr Yücel schnellstmöglich auf freien Fuß gesetzt wird", sagte der SPD-Außenpolitiker Niels Annen im ZDF und warnte vor neuen Belastungen des bilateralen Verhältnisses. "Wir wollen das nicht. Aber wir können auch nicht einfach schweigen, wenn hier grundlegende Freiheiten von einem Land verletzt und ignoriert werden."
Zugleich warb Annen dafür, die Kontakte nicht abbrechen zu lassen: Sprachlosigkeit in der Krise könnten sich beide Seiten nicht leisten. Genau das ist bislang auch die Haltung der Bundesregierung.

Bundesregierung ist empört, muss aber mit Ankara kooperieren

Auf der einen Seite scheint die Bundesregierung ehrlich empört über Säuberungen und den geplanten Umbau der Türkei zu einem Präsidialsystem von Erdogans Gnaden. Auf der anderen Seite ist den wichtigen Akteuren in Berlin bewusst, dass harte deutsche Interessen weitere Kooperation mit Ankara unausweichlich machen: Das Land ist Nato-Partner in einer höchst instabilen Region, ist Basis für den Kampf gegen die Terrormiliz IS, die Geheimdienste kooperieren im Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Und mehr als drei Millionen türkische Bürger in Deutschland schaffen Verbindungen, die sich nicht mit Machtworten aus der Welt schaffen lassen.

Merkel dürfte Flüchtlingsabkommen kaum aufs Spiel setzen

Auch dürfte es für Merkel keine Option sein, das Flüchtlingsabkommen der EU mit Ankara durch eigene politische Eskalation aufs Spiel zu setzen - erst recht nicht im Jahr der Bundestagswahl. Für Merkel ist das EU-Abkommen mit Erdogan, das die Zahl der in Griechenland ankommenden Flüchtlinge drastisch senkte, ein entscheidender Baustein in ihrer Flüchtlingspolitik. Auch der heutige SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz lobte auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise zu Beginn des vergangenen Jahres ausdrücklich Merkels Einsatz für die Vereinbarung mit Ankara.