Die Debatte um die Integrationsfähigkeit der türkischstämmigen Mitbürger will nicht enden. Es gab in der Vergangenheit immer wieder Anlässe, die belegen sollen, dass der Großteil der Menschen, die ihre Wurzeln in der Türkei haben, nicht integriert sind oder gar die Integration verweigern. In den Nullerjahren sollten das Themen wie Zwangsheirat oder häusliche Gewalt beweisen. In den vergangenen Monaten dominierte die Unterstützung für Recep Tayyip Erdoğan die Schlagzeilen. Weil viele Türkischstämmige den türkischen Präsidenten wie einen Popstar feiern oder in ihm eine Vaterfigur sehen, debattiert Deutschland wieder über die Integrationsdefizite oder Integrationsunwilligkeit der Türkischstämmigen.

Die vielen Deutschtürken, die Erdoğan nicht schätzen, kommen in der Öffentlichkeit wesentlich seltener zu Wort. Diejenigen, die die türkische Fahne schwenken, wenn Erdoğan in Deutschland ist, dominieren das öffentliche Bild der Türkischstämmigen. Tatsächlich füllt Erdoğan auch die Hallen von Oberhausen oder Köln im Handumdrehen. Vor allem junge Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, jubeln ihm zu. Warum sie das tun, obwohl sie in Deutschland geboren und/oder aufgewachsen sind, ist also eine berechtigte Frage.  

Sie jedoch alleine mit Desintegration und Diskriminierung zu erklären, greift zu kurz. Denn auch viele Menschen, die gut ausgebildet sind, jubeln in akzentfreiem Deutsch, wenn Erdoğan hierzulande einen Auftritt hat. Die dritte und vierte Generation ist viel weiter, als die öffentlichen Debatten es suggerieren.

Sie wollen mitsprechen und entscheiden

Die Konfliktlinie verläuft an der unbefriedigenden gesellschaftlichen Teilhabe. Das heißt, die Türkischstämmigen der dritten Generation wollen an entscheidenden Positionen mitsprechen und die Gesellschaft mitgestalten. Dass das nicht konfliktfrei verläuft, weiß der Autor dieses Artikels aus eigener Erfahrung. Solange die Türkischstämmigen in unteren Segmenten der Wirtschaft beschäftigt waren, gab es keine sichtbaren Probleme. Erst als die Ressourcen in industriellen Berufen knapp wurden und die Nachfolgegenerationen durch Bildungsaufstiege nicht nur im Niedriglohnsektor arbeiten wollten, sondern als Lehrer, Staatsanwälte oder Ärzte, wurden die Konflikte markant. Wenn eine Frau dabei das Kopftuch tragen möchte, werden sie umso sichtbarer.

Wenn man sich unter die Fahnenschwenker mischt und sich nach den Grundlinien der Erdoğan-Politik erkundigt, herrscht ein betretendes Schweigen. "Ähm ja, er hat die Türkei groß und stolz gemacht", kommt dann. Es geht der jungen Generation nicht um Politik, sondern um Emotionen. Und diese Emotionen werden mit Lust an Protest und Provokation zum Ausdruck gebracht.

Erdoğan ist ein Despot, er schränkt im eigenen Land die Menschen- und Minderheitenrechte ein und diskreditiert die Deutschen und die deutschen Politiker mit Nazivergleichen. Kann man so einem Politiker zujubeln und ihn wie einen Popstar feiern, zumal man selbst von all diesen Freiheiten profitiert, die Erdoğan den Türken nimmt? Ja, denn wenn in dieser angeheizten Phase junge Menschen mit Türkeifahnen und Erdoğan-Konterfeis in die Öffentlichkeit treten und schreien, wie toll dieser Mann ist, gelingt der Protest.

Die Minderheit provoziert die Mehrheit zu Distanzierungen, zu spontanen Handlungen oder öffentlichen Abwertungen. Dadurch erhalten die jungen Erdoğan-Anhänger die maximal mögliche Aufmerksamkeit. Sie protestieren, weil sie das Gefühl haben, in Deutschland zu kurz gekommen zu sein. Erdoğan, der aus einfachen Verhältnissen kommt, erfüllt ihren Wunsch nach Anerkennung stellvertretend. Ein polternder, beleidigender Despot als Identifikationsfigur ist deshalb plausibel, weil er der Welt die Stirn bietet und die gängigen Umgangsregeln nicht beachtet. Weil in Deutschland gefühlt alle gegen Erdoğan sind, provoziert es umso mehr, wenn die Minderheit überschwänglich für ihn ist.

Türkei - Was in der Verfassungsreform Erdoğans steht Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan strebt eine Verfassungsreform für das Präsidialsystem an, die ihm mehr Macht verleihen würde. Hier die Punkte der Reform im einzelnen