Freude, schöner Anfangsfunken – Seite 1

Neben Angela Merkel haben es die Herren Präsidenten ja immer schon schwer gehabt. Wladimir Putin versuchte die Kanzlerin einzuschüchtern, indem er einen Hund zum Fototermin mitbrachte und wirkte dabei wie ein Teenager, der seine Mutter ärgern will. Donald Trump verweigerte ihr den Handschlag mit demselben Effekt.

Die letzten französischen Präsidenten, im besten Falle die engsten Vertrauten der Kanzlerin, wirkten ebenso unzulänglich. Nicolas Sarkozy präsentierte sich der Kanzlerin gern devot, zu Hause trat er wie ein kleiner Sonnenkönig auf. Und bei François Hollande hatte man das Gefühl, dass er dauerhaft mit angelaufenen Brillengläsern im Regen stand.

Endlich mal!, dürfte sich die Kanzlerin also gedacht haben, als Emmanuel Macron auf dem roten Band des Bundes mit militärischen Ehren empfangen wurde. Weder protzig, noch öde. Wie sie selbst. Nur ganz anders. Im Kanzleramt standen sie dann nebeneinander, bei ihrer ersten gemeinsamen Pressekonferenz, als kannten sie sich schon seit Jahren.

Da verstehen sich zwei

Er, dieser junge, kultivierte Mann, wie immer im schmalen, dunkelblauen Anzug, mit perfekt sitzendem Windsorknoten. Neben Angela Merkel, in all ihrer Merkeligkeit, wirkte er gleichzeitig brav und verwegen. Wie schon bei dem Kanadier Justin Trudeau und bei Barack Obama ist Macron einer jenen Typs, neben denen Merkel ein wenig Glanz tanken kann – eine Ergänzung zu ihrer Konstanz. Und wie bei Trudeau und Obama merkte man: Da verstehen sich zwei.

Merkel und Macron wissen, dass nichts Geringeres als die Rettung Europas von ihnen erwartet wird. Eine Einigung der beiden ist die Vorbedingung dafür, dass sich in Europa irgendwas bewegt. Und das muss es. Denn sonst – und da nicken mittlerweile sogar die Optimisten – erlebt die Europäische Union ihren nächsten runden Geburtstag nicht mehr.

Für Merkel könnte Macron der perfekte Partner sein. Gerade, weil er bisher so vage ist. Er ist entschlossen, aber formbar. Einerseits weil er unerfahren ist, andererseits, weil er die lobenswerte Eigenschaft des aufmerksamen Zuhörens besitzen soll. Vor allem aber: Während Hollande und Sarkozy bei ihren Antrittsbesuchen in Berlin mit dem Gewicht ihrer vollmundigen Versprechen an die eigenen Wähler ankamen, hat sich Macron im Wahlkampf zurückgehalten. Er kündigte Ziele an, aber kaum konkrete Maßnahmen.

In den Zielen beide einig

Die Flexibilität der französischen Seite könnte das Beste sein, was dem deutsch-französischen Verhältnis passieren kann. Denn in den Zielen sind sich beide einig: die Stärkung Europas. Über die Maßnahme dazu denkt man in Deutschland aber eher zögerlich nach, bis auf einige jahrealte Ideen von Finanzminister Wolfgang Schäuble ist da wenig bekannt.

Neue Impulse kommen bisweilen, immer vorsichtig als Vorschläge oder Ideen betitelt, ausschließlich von französischer Seite. Am 10. Januar war Emmanuel Macron schon einmal in Berlin und hielt eine Rede auf Englisch, die seine programmatische Grundsatzrede wurde. Er benannte darin seine Priorität: Das Vertrauen von Deutschland zurückgewinnen, indem Frankreich die Defizitgrenze von drei Prozent erstmals seit sechs Jahren wieder einhält. So soll ein neues deutsch-französisches Vertrauensverhältnis die deutsche Hegemonie in der EU ablösen.

Für dieses Zugeständnis verlangt Macron im Gegenzug ein wenig Flexibilität auf deutscher Seite. Auch in der Geschwindigkeit. Bis spätestens Mitte Juni, für die französischen Legislativwahlen, braucht er erste Aussichten. Beim nächsten Treffen des Europäischen Rates im Juni will Macron eine Roadmap vorlegen, wie die Euro-Zone reformiert werden kann und die finanzielle Zukunft der Union aussehen soll, gewünschter Verhandlungsbeginn: Anfang 2018.

In einem Meer von Zweifeln

Merkel zeigte in ihrer Rede im Kanzleramt Zustimmung für dieses Vorhaben. Noch vor Juni soll ein deutsch-französischer Ministerrat gegründet werden, in dem binationale Projekte gemeinsam erarbeitet werden. Es ist eine einsame, vage Zusage in einem Meer von Zweifeln, die Macrons Pläne hierzulande hervorrufen.

In den Reden von Politikern, in Interviews mit Ökonomen und in Leitartikeln geisterte etwa die Falschmeldung herum, Macron fordere Eurobonds. Wolfgang Schäuble nannte Macrons Vorhaben in der FAZ "unrealistisch". Der Spiegel titelt: "Teurer Freund – Macron rettet Europa und Deutschland soll zahlen".

Noch bevor überhaupt irgendwas besprochen oder gar beschlossen ist, schmeißt man in Deutschland die ersten rhetorischen Brandsätze. Zugeständnisse von deutscher Seite? Null. Bereitschaft zu verhandeln? Von CDU und CSU ist dazu mit Ausnahme des heutigen Besuchs nur eines zu vernehmem: Stille.

"Allem Anfang wohnt ein Zauber inne"

Denn auch in Deutschland hat der Wahlkampf begonnen. Die Kanzlerin kann mit Europa-Themen eigentlich nur verlieren. Eingeklemmt zwischen der AfD von rechts, die bereitsteht, sollte die Union sich zu EU-integrationistisch geben und der SPD von links, die mit Martin Schulz den deutlich glaubwürdigeren Pro-Europa-Kandidaten stellt.

Der denkbar schlechteste Ausgang dieser Konstellation ist, dass sich Merkel als die Austeritätskanzlerin profiliert. Dann stünden sich die Regierungschefs der wichtigsten EU-Länder unvereinbar gegenüber – ganz gleich, ob sie dieselben Ziele haben oder nicht. Und trotz der vielfachen ideologischen und programmatischen Überschneidungen.

Am Ende zitierte Merkel noch Hermann Hesse: "Allem Anfang wohnt ein Zauber inne." Das Interesse freue sie, und sie meint die Menschenmenge, die sich vor dem Kanzleramt versammelt hat, um Macrons Besuch beizuwohnen. Hesses Gedicht geht aber weiter: "Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise – mag lähmender Gewöhnung sich entraffen." Frankreich ist erstmals seit Jahrzehnten bereit dazu. Deutschland muss zeigen, dass es das verstanden hat. Und es sollte nicht zu schnell vergessen, wer die Alternative zu Macron gewesen wäre.