Nach dem G7-Gipfel von Taormina dringen führende deutsche Politiker auf eine engere Zusammenarbeit der europäischen Staaten. "Europa ist die Antwort. Eine stärkere Kooperation der europäischen Staaten auf allen Ebenen ist die Antwort an Donald Trump", sagte der SPD-Vorsitzende Martin Schulz der ARD. Er warf Trump in einem Beitrag für den Tagesspiegel "politische Erpressung statt internationale Diplomatie" vor.

Zuvor hatte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in einer auch international viel diskutierten Rede bei einem Wahlkampfauftritt im Bierzelt gesagt: "Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen." Weiter sagte sie, die Zeiten, "in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei". Merkel reagierte damit auf den G7-Gipfel und das Nato-Treffen, bei denen US-Präsident Trump die Partnerstaaten mit seinem Konfrontationskurs irritiert hatte.

Nach Ansicht des Chefs der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, ist der Auftritt von Trump bei der Nato und auf dem G7-Gipfel eine Chance für Europa. "Dass die USA mit der Abrissbirne durch das Bauwerk der westlichen Werte und Zielvorstellungen toben, das ist neu", sagte Ischinger dem Bayerischen Rundfunk (BR). Europa müsse entscheidungsfähiger werden, um die eigene Sicherheit zu gewährleisten. Ischinger forderte , das Vetorecht zu reformieren. "Wieso kann eigentlich die EU nicht in außenpolitischen Fragen mit Mehrheit entscheiden?" Der Sicherheitsexperte unterstützt Merkels Ansage an Trump. Jedoch wäre es "ganz falsch, jetzt denen zu folgen, die die transatlantische Nabelschnur am liebsten gleich ganz durchtrennen möchten", sagte Ischinger der Bild-Zeitung.

Der deutsche Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen hob hervor, wie wichtig etwa die Zusammenarbeit der deutschen und US-Geheimdienste sei. "Wir brauchen die Amerikaner, weil die Amerikaner gute und verlässliche Informationen haben", sagte Maaßen im ARD-Morgenmagazin. Aber: "Auch die Amerikaner brauchen uns. Die Amerikaner brauchen die Informationen der deutschen und der europäischen Nachrichtendienste."

Briten bekräftigen ihre Partnerschaft

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz verlangte zudem eine entschiedenere Haltung Europas gegen Trump: "Gegen einen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, der ja andere demütigen will. Der ja im Stile eines autoritären Herrschers auftritt." Schulz rief die Staats- und Regierungschefs dazu auf, das Pariser Klimaabkommen auf dem G20-Gipfel in Hamburg Anfang Juli gegen Trump zu verteidigen. "Wir Europäer dürfen uns der Aufrüstungslogik eines Donald Trump nicht unterwerfen. Wir dürfen unser Ziel, die Globalisierung fair zu gestalten, nicht aufgeben", schrieb er in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel.

Die Opposition teilt die Meinung, dass Trump die deutsch-amerikanischen Beziehungen belastet. "Wir sind auf einem Tiefpunkt", sagte der Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Dietmar Bartsch. In der ARD-Sendung Bericht aus Berlin. Das habe auch der G7-Gipfel nochmals deutlich gezeigt. "Da ist leider außer Spesen nichts gewesen."

Unerwarteten Beistand erhielt die Bundeskanzlerin nach ihrer Bierzeltrede zu einer größeren Eigenständigkeit der Europäer von der britischen Regierung – auf deren Brexit-Pläne Merkel immerhin mit ihrer Kritik anspielte. Mit dem Beginn der Verhandlungen zum Brexit "können wir Deutschland und anderen europäischen Staaten versichern, dass wir ein starker Partner für sie sein werden", sagte Innenministerin Amber Rudd der BBC. "Ein starker Partner bei der Verteidigung, der Sicherheit und wir hoffen auch beim Handel." Großbritannien wünsche sich eine enge und besondere Partnerschaft, um die Sicherheit in ganz Europa gewährleisten zu können. 

Auf EU-Ebene erwartete der Vizepräsident des Europaparlaments, Alexander Graf Lambsdorff, angesichts der Blockadepolitik von US-Präsident Trump "unangenehme Zeiten". Europa müsse jetzt unter deutscher und französischer Führung vorangehen, sagte der FDP-Politiker im Deutschlandradio Kultur. Die Frage sei: "Wo müssen wir unsere Zusammenarbeit so vertiefen, dass für den Fall, dass man sich eben nicht auf die USA verlassen kann, dass wir da in der Lage sind, unsere Werte und unsere Interessen zu schützen."

Bisher sei Europa ein "Konsument" von Stabilität gewesen, jahrzehntelang hätten die Amerikaner das subventioniert. "Die Zeiten scheinen mindestens teilweise vorbei zu sein. Das bedeutet nun mal, dass wir manche kleinteilige Debatte in Berlin ein bisschen (…) in einen größeren Kontext stellen sollten und nicht uns im Detail verlieren."