ZEIT ONLINE: Frau Özoğuz, die deutschtürkische Community gehört zu den treuesten SPD-Wählern. Bei der vergangenen Bundestagswahl stimmten zwei Drittel der Wähler für die Sozialdemokraten. Ist damit am 24. September Schluss, weil der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan dazu aufgerufen hat, nicht die SPD zu wählen?

Aydan Özoğuz: Der türkische Staatspräsident hat sich ja nicht nur gegen die SPD ausgesprochen, sondern gegen die drei größten demokratischen deutschen Parteien. Ich gehe davon aus, dass die meisten Deutschtürken da drüberstehen und sich nicht für Erdoğans Politik instrumentalisieren lassen werden. Die ersten Reaktionen, die ich mitbekommen habe, spiegeln das jedenfalls wider.

ZEIT ONLINE: Ohne Zweifel hat der türkische Präsident in Deutschland aber viele Anhänger.

Özoğuz: An dem Referendum über die Verfassungsänderung in der Türkei nahm nur die Hälfte der 1,4 Millionen türkeistämmigen Wahlberechtigten teil. Davon haben 40 Prozent gegen Erdoğans Verfassungsreform gestimmt, von einer Mehrheit der Türkeistämmigen in Deutschland für das Referendum zu sprechen ist daher nicht korrekt. Trotzdem ist richtig, dass leider zu viele Erdoğans autoritären Kurs unterstützt haben.

Aydan Özoğuz ist seit 2009 für die SPD Abgeordnete im Bundestag. Seit 2013 ist sie Beauftragte der Bundeskanzlerin für Migration, Flüchtlinge und Integration. © Sophia Kembowski/dpa

ZEIT ONLINE: Sie befürchten also nicht, dass sie sich von dem türkischen Präsidenten beeinflussen lassen werden?

Özoğuz: Es wird sicher einige geben, die seinem Aufruf folgen werden. Aber die meisten Wählerinnen und Wähler hier wollen doch, dass ihre Probleme in Deutschland gelöst werden. Und sie wissen, dass Erdoğan darauf nun wirklich keinen Einfluss hat. Auch wenn er immer noch behauptet, er wäre der Einzige, der sich für die Interessen der Deutschtürken einsetze. Erdoğan braucht die Auslandstürken für seinen innenpolitischen Machterhalt. Deshalb umgarnt er sie. Vor 10 oder 15 Jahren hätte er damit in Deutschland sicher ein leichteres Spiel gehabt. Zum Glück hat die deutsche Politik in den vergangenen Jahren aber auch mehr für die Belange der Deutschtürken getan. Die weitgehende Abschaffung der Optionspflicht bei der Auswahl der Staatsangehörigkeit ist so ein Beispiel.

ZEIT ONLINE: All das hat aber nicht verhindern können, dass sich bis heute viele Deutschtürken nicht mit Deutschland identifizieren. Vorurteile oder Alltagsrassismus werden als Gründe genannt. Teilen Sie diese Meinung?

Özoğuz: Die nach Deutschland eingewanderten Türken kamen ja nicht alle aus modernen Metropolen wie Istanbul oder Izmir. Sondern vielmehr aus Dörfern und den ländlichen Gegenden der Türkei. Das heißt, sie sind zu einem großen Teil konservativ geprägt. Hätte die CDU in der Vergangenheit die Türken nicht permanent vor den Kopf gestoßen, hätten wir heute sicher auch eine andere Stimmung unter den Deutschtürken. Die Union hat sich immer klar gegen Gastarbeiter und ganz konkret gegen Türken positioniert. Aber auch gegen ein Deutschland der Mehrsprachigkeit und der verschiedenen Kulturen. Für ein paar Prozentpunkte mehr wurden Wahlkämpfe auf Kosten von Deutschtürken geführt. Dass sie damit türkeistämmige Wähler verprellt, hat die Union in Kauf genommen. Die Folgen gehen über den Wahltag hinaus: Denn das Gefühl, abgelehnt zu werden, hat leider auch die zweite Generation der Deutschtürken geprägt. Erdoğan nutzt das aus und verkauft sich deshalb als der Politiker, der für sie da ist. Das ist natürlich absurd.

ZEIT ONLINE: Als Volkspartei und Regierungsmitglied übt die SPD aber auch Einfluss auf die deutsche Politik und die Stimmung im Land aus. Wenn die Sozialdemokraten es so viel besser machen als die CDU, warum hören dann viele Deutschtürken auf Erdoğan?

Özoğuz: Noch einmal: Wir können nicht behaupten, dass eine Mehrheit der Deutschtürken hinter Erdoğan steht. Das lässt sich aus den Zahlen nicht ableiten. Insgesamt denke ich aber, dass es unter den Türkeistämmigen außerhalb der Türkei einfach etwas länger dauert, bis sie erkennen, auf welchem fatalen Weg die Türkei unter Präsident Erdoğan derzeit ist. Wir dürfen nicht vergessen: Erdoğan hat in der Türkei nicht mehr die satten Mehrheiten von früher. Da die Menschen hierzulande aber vor allem türkische Medien konsumieren und die politischen Einschränkungen kaum spüren, wird es etwas brauchen, bis sich Ernüchterung auch im Ausland bemerkbar machen wird.

Bundestagswahl - Türkischstämmige Wähler missachten Erdogans Wahlempfehlung Der türkische Präsident Erdoğan hatte dazu aufgerufen, bei der Bundestagswahl CDU, SPD und Grüne zu boykottieren. Wähler mit türkischen Wurzeln protestieren gegen die Einmischung. © Foto: AFP Video