Es ist ein höchst seltener Vorgang, mit dem sich die Generalbundesanwaltschaft derzeit befasst: Sie ermittelt, wie der Spiegel am Vormittag berichtete, gegen den Bonner Rechtsanwalt Mutlu Günal wegen des Verdachts der "Unterstützung einer terroristischen Vereinigung im Ausland". Günal ist in der islamistischen Szene einer der bekanntesten Anwälte. Neben ehemaligen Mitgliedern der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) vertrat er auch den radikalen Prediger Sven Lau.

Rechtsanwälte genießen als unabhängig von staatlichen Einflüssen agierendes Organ der Rechtspflege eine besondere Stellung. Die Hürden, gegen sie zu ermitteln, sind hoch; zuletzt wurde der Vorwurf der Terrorismusunterstützung gegen Verteidiger im Zuge der Ermittlungen gegen die Rote Armee Fraktion in den 1970er Jahren erhoben. Es ist also bemerkenswert, dass das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt auf Geheiß der Generalbundesanwaltschaft Mitte September eine Hausdurchsuchung in der Bonner Kanzlei von Mutlu Günal durchführte.

Günal soll im Juli 2015 zwei ausreisewilligen Salafisten und potenziellen Mandanten in seiner Kanzlei dazu geraten haben, "über Belgien nach Syrien auszureisen", da es dort keine gesonderte Passkontrolle gebe. Kurz zuvor erhielten Anil O. und Yunus S. mittels eines Spezialeinsatzkommandos eine Ausreiseverbotsverfügung. Ihre Pässe hatten sie abgeben müssen.

Anil O. reiste einen Monat später, am 8. August 2015, gemeinsam mit Frau und Kind tatsächlich über Brüssel nach Rhodos und weiter in die Türkei, dann gelangte die Familie in das Gebiet des IS in Syrien. Dort wollte der 1,0-Abiturient und Medizinstudent nach eigenen Angaben nicht für den IS kämpfen, sondern Verletzten helfen. Wenige Monate später kehrte er desillusioniert zurück, angewidert von der Brutalität und Verrohung, die er in Syrien miterlebt hatte. Man habe ihm schon nach wenigen Tagen ein etwa 10-jähriges jesidisches Mädchen als Sexsklavin angeboten. Noch von der Türkei aus, wo Anil O. mehrere Monate in Haft saß, bot er sich den Behörden als Kronzeuge gegen die islamistische Szene in Deutschland an.

O. packte daraufhin vollumfänglich aus. Er lieferte den Ermittlern auch zahlreiche Details zu jenen drei Männern, die den Sicherheitsbehörden schon lange als die Köpfe eines bundesweiten Netzwerks zur Schleusung Ausreisewilliger in das Gebiet des IS galten. Da ist einmal Hasan C., ein 51-jähriger Deutschtürke aus Duisburg. Er radikalisierte Jugendliche in einem Hinterzimmer seines Reisebüros. Da ist Boban S., 37, ein studierter Chemie-Ingenieur. Er betrieb in Dortmund eine "Koranschule", die augenscheinlich nichts weniger war als ein Vorbereitungscamp für potenzielle Terroristen. Und da ist schließlich Ahmad Abdulaziz Abdullah A. alias Abu Walaa, 33, aus Hildesheim. Der Bundesanwaltschaft gilt er als "Deutschland-Repräsentant" des IS. Anil O. erzählte den Ermittlern: "Es gibt in Deutschland keine offizielle Handlung des IS, von der Abu Walaa keine Kenntnis (...) hat." Und: "Sein Wort war Gesetz."