Vor der möglichen Ausrufung der unabhängigen katalanischen Republik herrscht in Barcelona normales Alltagstreiben. Die Sonne scheint, Ladeninhaber wienern ihre Schaufenster, Motorräder rattern durch die Gassen, vereinzelt weht die Estelada, die gelb-rote Flagge der Unabhängigkeitsbewegung von den hohen, dunklen Gebäuden der Altstadt: "Independència", "Democràcia" steht darauf. Es sind nicht mehr Fahnen als sonst.

Vor dem Gebäude der Nationalpolizei in der Via Laietana allerdings fahren Busse hektisch auf und ab. Beamte mit ernsten Gesichtern organisieren sich. Die Nationalpolizei und die Gendarmerie der Guardia Civil – beide der Zentralregierung in Madrid unterstellt – sind schon seit einigen Tagen in Barcelona. Am heutigen Dienstag sollen sie zum Beispiel den obersten Gerichtshof Kataloniens beschützen, weil Madrid der eigentlich dafür zuständigen katalanischen Regionalpolizei Mossos nicht mehr vertraut.

Am Abend um 18 Uhr will der katalanische Regionalpräsident Carles Puigdemont vor das Regionalparlament in Barcelona treten und erklären, welche Konsequenz er aus dem illegalen Referendum vom 1. Oktober zieht. Nur 43 Prozent der Katalanen hatten vergangenen Sonntag abgestimmt, 90 Prozent hatten sich für eine Unabhängigkeit von Spanien ausgesprochen. Wird Puigdemont nun die einseitige Loslösung vom Mutterland verkünden? Es sieht danach aus, auch wenn seine Leute angeblich überlegen, wie sie gleichzeitig allzu krasse Folgen für die Region abwenden können.

"So geht es nicht"

In der Altstadt von Barcelona steht unterdessen ein kleiner Mann im sorgfältig gebügelten Hemd vor einem Geschäft für Stoffe, Teppiche und Gardinen. Es ist Carles, der Ladeninhaber, der ein wenig frische Luft schnappen will. "Ich war auch mal Independista", sagt der Mittfünfziger mit leiser Stimme. "Aber so geht es nicht: Das Referendum war illegal, die Mehrheit der Katalanen hat sich daran doch gar nicht beteiligt. Und wir haben keinerlei internationale Unterstützung." Er mache sich große Sorgen um die Zukunft, sagt Carles.

Viele auch ihm gleichgesinnte Politiker haben Puigdemont zuletzt beschworen, nicht die einseitige Unabhängigkeit auszurufen. Am Montag warnte Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau den katalanischen Ministerpräsidenten vor einer Gefahr für den sozialen Zusammenhalt. Das vom Verfassungsgericht vorab verbotene Referendum sei keine Grundlage für einen solch weitreichenden Schritt.

Doch die Mehrheit der Separatisten will offenbar nicht zurück. Sie steht unter dem Druck der gut zwei Millionen Menschen, die am vergangenen Sonntag für eine Unabhängigkeit von Spanien stimmten. Diese Zahl hat die Regionalregierung veröffentlicht, ob es wirklich so viele waren, ist nicht objektiv überprüfbar.

"Ich träume auf Katalanisch"

Sicher dabei war Jordi, 24 Jahre alt, Geschichtsstudent und angehender Lehrer. Er sitzt im Café eines alternativen Theaters und erklärt bei Salamibrot und Tee, dass er mit Spanien nichts anfangen könne. Das sei immer schon so gewesen. "Ich denke auf Katalanisch, ich träume katalanisch, mein Herz schlägt katalanisch", sagt Jordi mit ernstem Blick. Nein, er wolle nur raus aus Spanien mit den korrupten Politikern in Madrid, die ihnen seit Jahren verweigerten, über die eigene Zukunft zu entscheiden.

"Sie hassen uns", sagt Jordi, "aber sie lassen uns auch nicht gehen." Für ihn sei die Möglichkeit eines Dialogs am Ende gewesen, als die Guardia Civil beim vom Verfassungsgericht verbotenen Referendum am 1. Oktober seine Freunde verprügelt habe. Es waren vereinzelte Übergriffe, aber die Bilder davon gingen um die Welt. Jetzt, sagt Jordi, gebe es nur eine Lösung. Es folgt ein trotziges Lächeln: "Wir werden unseren eigenen Staat gründen."

Hat er keine Angst, dass diese fragwürdige Unabhängigkeit international nicht akzeptiert wird? Keine Sorge als junger Mensch seine Privilegien als EU-Bürger zu verlieren? Jordis Augen werden eng. "Es gibt viel Propaganda im Moment", so seine Antwort, "wir werden für alles eine Lösung finden."

45 Prozent wollen nicht unabhängig werden

Die vielen Demonstranten, die am Sonntag aus Sorge um die Einheit Spaniens auf die Straße gingen, interessieren ihn hingegen nicht. Ebenso wenig der Verweis darauf, dass laut Umfragen nur 45 Prozent der Katalanen überhaupt aus Spanien rauswollen. "Wir haben die Mehrheit im Parlament", sagt Jordi und zuckt die Achseln – und beruft sich auf die Regionalwahlen 2015, bei denen das einzige gemeinsame Ziel des heutigen Regierungsbündnisses Junts pel Sí die Unabhängigkeit von Spanien war. Das hätten alle gewusst, das Bündnis stelle nun die Regierung und daher werde der Plan nun durchgezogen.

Auf einem Spielplatz in der Altstadt hat die junge Mutter Maria ähnliche Argumente. "Jahrelang haben wir gebettelt um ein legales Referendum, Madrid hat es uns immer verboten. Immerhin haben wir jetzt die internationale Aufmerksamkeit", sagt sie während sie versucht, ihren Sohn im Blick zu behalten, der ein paar Meter weiter die Sandgrube erkundet. Eine einseitige Unabhängigkeitserklärung behagt ihr zwar nicht: Aber sie habe sich schon vorgenommen, einfach ganz normal weiter ihrer Arbeit als Architektin nachzugehen – egal, was passiere. "Wir sind friedliche Leute, wir werden schon eine Lösung finden", glaubt sie. Ein junger Mann, der Zeitungen verkauft, orakelt dunkel: "Sie werden uns verprügeln, wahrscheinlich werden sie das tun. Aber es muss so sein."