Nachdem auf dem Parteitag der Grünen eine schwarz-grüne Minderheitsregierung offen diskutiert wurde, wiegeln Spitzenfunktionäre der Partei mittlerweile ab. Robert Habeck, stellvertretender Ministerpräsident in Schleswig-Holstein, hält eine solche Regierungskoalition für "praktisch nicht durchführbar". Die Option sei zwar "theoretisch interessant", sagte Habeck dem Nachrichtenportal t-online. Praktisch gehe es aber nicht, "weil man nichts verabreden kann, was man dann umsetzen kann". So würden beispielsweise SPD oder FDP dem Kohleausstieg nicht zustimmen, der für die Grünen ein zentrales Projekt sei. 

Ähnlich äußerte sich die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt: "Eine Minderheitsregierung ginge nur dann, wenn man für ganz entscheidende Fragen eine Mehrheit hätte. Etwa beim Klimaschutz", sagte sie im Fernsehsender Phoenix.

Zuvor hatten sich die Grünen nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen grundsätzlich bereit gezeigt, sich an einer Minderheitsregierung zu beteiligen. Die etwa 800 Delegierten des Parteitags billigten mit großer Mehrheit die Kompromisse, die die Grünen-Unterhändler in den Verhandlungen mit Union und FDP eingegangen waren. "Wir Grüne sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und bleiben gesprächsbereit", heißt es in einem Beschluss zum Vorgehen nach dem Scheitern der Sondierungen. "Dies gilt auch für eine Beteiligung an Minderheitsregierungen." 

Grünen rechnen mit Verbleib in der Opposition

Allerdings wurde deutlich gemacht, dass man mit einem Verbleib in der Opposition rechnet. "Mein Eindruck ist, dass die SPD nach acht Wochen Oppositionsbank doch wieder genug von der Opposition hat und zurückkehren wird in den Schoß der Kanzlerin", sagte Parteichefin Simone Peter über eine mögliche Neuauflage der großen Koalition zwischen CDU und SPD.

Auch in der internationalen Presse wurde die Möglichkeit einer Minderheitsregierung diskutiert – allerdings unter Beteiligung der Sozialdemokraten. So schrieb die NZZ am Sonntag: "Es gibt anregende Gedankenspiele und Modelle. Wäre erstmals eine Minderheitsregierung mit Duldung der SPD möglich? Was hieße das, wenn die Regierung sich im Parlament die Mehrheiten fallweise beschaffen müsste? Nur schon das wirkt in der muffigen Republik Merkels belebend, nicht besorgniserregend."

Minderheitenregierungen sind in Deutschland eine Seltenheit, kommen auf Länderebene aber vor. In den Jahren 1994 bis 2002 ließ sich Sachsen-Anhalts sozialdemokratischer Ministerpräsident Reinhard Höppner von der PDS tolerieren. Dass Höppner die Nachfolgepartei der SED von der Regierungsbank fernhielt, "milderte den Tabubruch, den damals viele in dem Pakt sahen", schreibt der BR in einem aktuellen Kommentar über das sogenannte "Magdeburger Modell".