Ertrinken Migranten zu Tausenden im Mittelmeer, wird das Europa angelastet; etabliert sich ein Sklavenmarkt in Libyen, ist Europa mitverantwortlich. Es sind Europas Tote, Europas Sklaven. Europa ist der Kontinent des schlechten Gewissens. Wo er (noch) keines hat, wird es ihm eingeredet.

Warum auch nicht? Hat denn dieses Europa der Welt nicht so viel versprochen wie niemand sonst, wie auch hier kürzlich zu lesen war? Europäische Menschenrechtskonvention, Genfer Flüchtlingskonvention, Grundrechtscharta der EU. Das sind doch verbriefte Rechte! Daraus ergeben sich Verpflichtungen. Die Wertegemeinschaft Europa wird aus seiner Verantwortung nicht entlassen. Komme da, was wolle. Ein moralisches Trommelfeuer wird entfacht, und die Welt zerfällt in Schwarz und Weiß. Hier das kalte, eigensüchtige Europa, dort die Migranten als Opfer. Grautöne? Fehlanzeige.

Jede Politik, die sich mit der schmutzigen Wirklichkeit beschäftigt, steht grundsätzlich unter Verdacht. Der italienische Innenminister Marco Minniti hat mit zwielichtigen Milizen in Libyen eine Deal geschlossen. Fürchterlich, wie schrecklich! Schnell wird mit der Genfer Flüchtlingskonvention gewedelt. Die EU arbeitet in Niger mit korrupten Behörden zusammen? Oh Gott! Das geht gar nicht. Die EU zahlt Geld nach Libyen und ein Teil davon gerät in die Hände von Verbrechern?! Das muss sofort gestoppt werden! Und so weiter und so fort. Was nicht sein kann, das darf nicht sein. Eine ausgewogene, vernünftige, eine schwierige Debatte ist unter den Bedingungen der permanenten moralischen Denunziation kaum möglich.

Europa hat zweifellos die Pflicht, Menschen zu helfen, die vor Krieg und Vertreibung flüchten. Die allermeisten Menschen, die über das Mittelmeer kommen, sind Migranten. Sie suchen ein besseres Leben. Das zu tun, ist ihr gutes Recht. Und es ist das Recht Europas auszusuchen, welchen Migranten es Einlass gewährt und welchen nicht.

Grenzen nach Süden verschieben

Wenn Migranten über das Mittelmeer kommen, begeben sie sich in Lebensgefahr. Europa kann da nicht einfach wegschauen. Es muss ihnen helfen. Das geschieht in der einzigen sinnvollen Art und Weise. Man versucht zu verhindern, dass diese Menschen überhaupt in ein Boot steigen und steigen müssen.

Deshalb hat Europa seine "Grenzen" weiter nach Süden verlegt, nach Libyen, nach Niger und noch weiter südlich. Dabei bedient es sich unterschiedlicher Instrumente, Patrouillenboote auf dem Mittelmeer, Ausbildung libyscher Küstenwache, Finanzhilfen, Investitionen. Dabei geht es nicht immer sauber zu, aber Libyen ist nicht die Schweiz und wird es auch sobald nicht werden. Schnelle Erfolge wird es auch nicht geben, dazu ist die Lage zu komplex. Es braucht Geduld, viel Geduld und keinen moralischen Furor.

Wer die Kooperation mit sehr fragwürdigen Figuren im Namen der Menschenrechte verurteilt, der muss sagen, wie Alternativen aussehen. Die Buchstaben der Genfer Menschenrechtskonvention umsetzen? Punkt für Punkt? Das ist keine Migrationspolitik, das ist ein Konjunkturprogramm für die Gaulands dieser Welt.

Werte in Politik umsetzen

Europa ist eine Wertgemeinschaft. Auch gegenüber den Migranten und Flüchtlingen hält sie den Wertekanon hoch. Das tut sie zu Recht. Das Versprechen einzulösen heißt, diese Werte in konkrete Politik umzusetzen. Das ist die ebenso schlichte wie komplizierte Wahrheit.

Europa nimmt seine Verantwortung durchaus wahr und es orientiert sich dabei an den Werten, die es sich gegeben hat – und kann sie doch nicht immer verwirklichen. Da ist noch viel Luft nach oben, gewiss. Schämen muss sich Europa aber nicht. Und immer nur das zu sehen, was Europa gerade nicht macht oder falsch macht – das ist eine sehr einseitige, eine verantwortungslose Sichtweise.

Kann Europa das Sterben im Mittelmeer einfach stoppen? Es ist überheblich, das zu glauben. Auch ist Europa nicht schuld an den Ertrunkenen. Das ist eine unzulässige, denunziatorische Verkürzung.

Es sei an dieser Stelle daran erinnert, dass der Westen in Libyen interveniert hat – im Namen der Menschenrechte. Man mache sich durch Zuschauen schuldig, hieß es, man müsse unbedingt etwas tun, sofort – schon flogen die Bomber und zertrümmerten Libyen. Das Gerede von Schuld ist der sicherste Weg, sich schuldig zu machen. Es hilft niemandem, weder den Migranten und Flüchtlingen noch den Europäern.