Erleichterung überwiegt in den Medien im Ausland über die Einigung zwischen Union und SPD. Zwar mehren sich die Stimmen, die Angela Merkels Macht sowohl in Deutschland als auch Europa schwinden sehen. In der Einigung sieht die Mehrzahl eine Chance für Europa. Vor allem der Wechsel im Finanzministerium – Olaf Scholz von der SPD soll Wolfgang Schäuble von der CDU ablösen – sorgt für positive Reaktionen.

Die Kontinuität in Deutschland berge aber auch Risiken, schreibt der britische Guardian. Die Einigung auf eine erneute große Koalition bedeute einen Fortschritt und sei Anlass zur Erleichterung – nicht aber zum Feiern. "Die Zusammenarbeit mit Frau Merkel hat die Dynamik und die Identität der linken Mitte ausgeblichen." Die Kanzlerin sei geübt darin, Koalitionspartner auszumanövrieren. Ob die SPD mehr Einfluss gewinne als in der letzten Koalition, sei ungewiss. Europa könne aber von einer erneuten großen Koalition profitieren. "Auf der europäischen Ebene sollte die Bildung der deutschen Regierung theoretisch umfassende Reformen ermöglichen." Es gebe innerhalb der Koalition aber verschiedene Ansichten, welche Reformen die EU brauche.

Die britische Times (kostenpflichtiger Artikel) traut dem erneuten Bündnis aus Union und SPD nicht zu, an Erfolge der vergangenen Jahre anzuknüpfen. "Die Koalition könnte möglicherweise nicht vier Jahre bestehen und Angela Merkel wird nicht die dominante europäische Figur sein, die sie in ihren ersten drei Amtszeiten war." Dass Großbritannien in den Brexit-Verhandlungen von dieser Schwächung profitieren könne, sei jedoch unwahrscheinlich. "Die Dispute, die die Koalitionsgespräche in die Länge gezogen haben, betrafen vor allem die deutsche Innenpolitik, nicht Europa. Martin Schulz wird nachgesagt, eine persönliche Antipathie gegenüber seinem (künftigen) britischen Gegenspieler Boris Johnson zu haben." Merkels Führungsrolle in Europa habe außerdem inzwischen der französische Präsident Emmanuel Macron übernommen.

Ähnlich beurteilt der Telegraph (kostenpflichtiger Artikel) die Konsequenzen für die Briten. "Es gibt schlechte Nachrichten für jeden, der gehofft hatte, dass diese Einigung auf eine Koalition Angela Merkel die Freiheit für mehr Flexibilität bei den Brexit-Verhandlungen geben könnte", schreibt die Zeitung. "Die neue Regierung wird stattdessen voraussichtlich viel aktiver den Ausbau der europäischen Integration vorantreiben."

"Nicht unbedingt eine schlechte Nachricht für Europa"

Auch die New York Times beschäftigt sich vor allem mit den Konsequenzen der Einigung für Europa. "Was für viele Deutsche beunruhigend ist, ist nicht unbedingt eine schlechte Nachricht für Europa", schreibt die Zeitung. Die Union sei seit Jahren auf eine stabile Regierung in Berlin angewiesen und habe die erneute Bildung einer solchen von Angela Merkel erwartet. Außerdem hebe die Koalition die Bedeutung der EU hervor. "In einem ansonsten wenig aufregenden Koalitionspakt fällt das Europakapitel auf – kurz und vage, aber prominent auf den ersten fünf Seiten des 177-seitigen Dokuments." Zwar habe Europa – anders als in Frankreich – kaum eine Rolle im Wahlkampf gespielt. Der Koalitionsvertrag verspreche aber einen größeren Beitrag Deutschlands zur Union und stärkere Kooperation in den Bereichen Verteidigung und Migration.

In der Europäischen Union selbst begrüßen ebenfalls viele Kommentatoren die Einigung. Die katholische Zeitung La Croix aus Paris verspricht sich – sollte die SPD-Basis dem Vertrag zustimmen – "ein neues Fenster der Gelegenheit für den Aufbau Europas". Europa erwarte eine engere Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsstaaten. "Emmanuel Macron, Angela Merkel und Martin Schulz müssen eng zusammenrücken, um ein bestimmtes Lebens- und Gesellschaftsmodell und die europäische Solidarität zu schützen."

Die große Koalition werde nicht nur die Stabilität und den Wohlstand des Landes garantieren, "sondern auch den Weg zu den Reformen ebnen, die die Europäische Union braucht", kommentiert die spanische Zeitung El País. "Die Parteien wissen, dass sie bei den nächsten Wahlen die Rechnung für diese neue Koexistenz von vier Jahren präsentiert bekommen könnten, aber sie haben sich dennoch entschieden, das Beste für ihr Land zu tun."

Die ebenfalls spanische El Mundo sieht in der Einigung "einen guten Grundstein, um die europäische Agenda neu zu beleben". Die EU habe auf die Regierungsbildung gewartet, um Kernthemen wie die Bankenunion, die Harmonisierung des Asylrechts und den Haushaltsplan anzugehen. "Merkel hat einmal mehr ein Beispiel ihrer Führungsqualitäten und Weitsicht gegeben. Deutschland gewinnt. Europa auch."

Freude über sozialdemokratischen Finanzminister

In Italien sorgt vor allem die Nachricht, dass die SPD das Finanzministerium bekommen soll, für viel Erleichterung und die Hoffnung, dass das Diktat der Austeritätspolitik von Wolfang Schäuble ein Ende hat. "Eine proeuropäische Koalition nimmt in Deutschland Gestalt an", kommentiert die italienische La Republica. "Die Geburt einer deutschen Regierung, die endlich ohne Argwohn nach Brüssel schaut, ja eher mit Enthusiasmus, und die einen Sozialdemokraten als Finanzminister einsetzt, ist sicher eine gute Nachricht für Europa."

Etwas vorsichtigere Erwartungen formuliert die ebenfalls italienische Corriere della Sera. "Dass das Finanzministerium an die SPD geht, bedeutet nicht, dass Deutschland in Zukunft Abstriche mit Blick auf die europäischen Regeln macht." Dennoch bedeute die Einigung eine Wende. "Vom strengen und zerfurchten Gesicht von (Finanzminister) Wolfgang Schäuble zum jugendlicheren und pausbackigen von Olaf Scholz."

Auch das niederländische NRC Handelsblad (kostenpflichtiger Artikel) erwartet angesichts des designierten SPD-Finanzministers in der neuen alten Koalition einen stärkeren sozialdemokratischen Einfluss auf die deutsche Europa-Politik. "In den vergangenen acht Jahren war die EU in Berlin ein CDU-Monopol von Merkel und dem Spar-Falken im Finanzministerium, Schäuble." Merkel behalte zwar die Führung, werde aber bald flankiert sein von zwei Sozialdemokraten. "Es wäre nicht überraschend, wenn dieses Team eher geneigt wäre, EU-Ländern mit einer schwächeren Wirtschaft entgegenzukommen als das Tandem Merkel/Schäuble." 

Beim österreichischen Standard stehen die inhaltlichen Einigungen im Vordergrund der Bewertung. Die könne man von zwei Seiten betrachten. Einerseits bleibe Vieles im Klein-Klein, große Würfe wie eine umfassende Rentenreform oder eine Steuerreform blieben aus, das Klimaziel werde aufgegeben. "Andererseits: Auch das Klein-Klein summiert sich, es soll mehr Geld für Familien geben, für Schulen, für Universitäten, für den Infrastrukturausbau, für die Pflege." Das sei nicht nichts, angesichts der guten Konjunktur jedoch auch zu erwarten gewesen. Dennoch habe das Bündnis eine Chance verdient – "schlicht auch aus dem Grund, weil es ohnehin nichts Besseres gibt. Es ist die einzige Konstellation, die Alternative wären Neuwahlen, und diese will keiner."