Drei Jahre nach der Entdeckung von fast 1.000 etwaigen Schwachstellen darf Block 1 des Schweizer Atomkraftwerks Beznau unweit der deutschen Grenze wieder ans Netz. Das Betreiberunternehmen habe detailliert nachgewiesen, dass die 2015 entdeckten Materialschäden im Stahl des Reaktordruckbehälters die Sicherheit nicht negativ beeinflussten, teilte die Nuklearaufsichtsbehörde Ensi mit. Der Betreiber Axpo will die Anlage nun nach eigenen Angaben wieder hochfahren. Ende März solle wieder Strom produziert werden. Angestrebt werde eine Laufzeit bis etwa 2030.

Beznau 1 war 1969 ans Netz gegangen und einer der ältesten kommerziellen Reaktoren der Welt. Die 925 fehlerhaften Materialstellen hatten eine Größe von fünf bis sechs Millimetern. Die Untersuchungen ergaben, dass es sich um Aluminiumoxid-Einschlüsse handelte. Laut Axpo sollen diese Stellen nicht während des Betriebs des Reaktors entstanden sein, sondern bereits beim Schmieden des Druckbehälters 1965 in Frankreich.

"Weltweit kein Stück Stahl, das je so detailliert untersucht wurde"

Sprecher von Axpo teilten mit, der Nachweis der Sicherheit beruhe auf umfangreichen und beispiellosen Untersuchungen. "Es gibt weltweit kein einziges Stück Stahl, das je so detailliert untersucht wurde", sagte ein Axpo-Experte. Ein wichtiges Teil des Reaktordruckbehälters sei auf der Suche nach den Ursachen der Mängel unter den Bedingungen und mit den Verfahren der 1960er Jahre eigens nachgebaut worden. Mehr als 100 technische Berichte seien anfertigt worden. Das Fazit laute: "Der Druckbehälter ist sicher", sagte  ein Sprecher. Durch Investitionen von 2,5 Milliarden Franken sei die Anlage auf dem neuesten Stand der Technik.

Zusammen mit der Ersatzbeschaffung von Strom hat der Stillstand von Beznau 1 die Axpo nach eigenen Angaben umgerechnet etwa 300 Millionen Euro gekostet. Beim etwas später fertiggestellten Reaktor Beznau 2 hatte es keine Auffälligkeiten gegeben.

"Höchst unverantwortlich"

Die Grünen in der Schweiz kritisierten die Genehmigung zur Wiederinbetriebnahme als höchst unverantwortlich: "Das marode Uralt-AKW kann niemals auf den aktuellen Stand der Sicherheitstechnik aufgerüstet werden." Sie riefen zu Protestkundgebungen auf.

Kritik kam auch vom angrenzenden Bundesland Baden-Württemberg. Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) mahnte, "es wäre höchste Zeit, Beznau endgültig stillzulegen". Fünf Jahrzehnte Entwicklung könnten nicht durch technische Nachrüstungen nachgeholt werden. Untersteller verwies auf ein Gutachten des Freiburger Öko-Instituts (PDF), das erhebliche Mängel im Atomkraftwerk Beznau aufzeigt. Insgesamt entspreche Beznau nach wie vor nicht den an ein Kernkraftwerk zu stellenden Sicherheitsanforderungen, sagte Untersteller.

Insgesamt gibt es in der Schweiz fünf Atomkraftwerke. Sie dürfen so lange betrieben werden, wie sie sicher sind. Laut Axpo liefern sie im Winter die Hälfte der Energie, die in der Schweiz benötigt wird. 2016 hatte sich die Mehrheit der Schweizer in einer Volksabstimmung gegen die Abschaltung aller Atomkraftwerke bis zum Jahr 2029 ausgesprochen, allerdings trat in diesem Jahr ein Gesetz in Kraft, das den Bau neuer Kernkraftwerke verbietet. Die Schweiz plant, bis zum Jahr 2050 aus der Atomkraft auszusteigen.