Der ungebetene Staatsgast

Ausgerechnet in einer ehemaligen Tierhandlung für Zierfische landet am Ende Europas berühmtester Freigänger: Carles Puigdemont, entmachteter ehemaliger Regionalpräsident Kataloniens und seit Freitagnachmittag freigelassen, steigt auf die kleine Bühne des Aquariums in Berlin-Kreuzberg, einem alternativen Veranstaltungszentrum und bis vergangenem Jahr Sitz der Tierhandlung Meyer. Gestern tagte hier noch der Sprachclub für Ausländer, morgen feiern sie hier den Roma-und-Sinti-Tag. Und zwischendurch, improvisiert am Samstagmittag, findet hier plötzlich große Europapolitik statt. 

Puigdemont lächelt freundlich, blickt fast schüchtern auf eine Wand von Kameras, neben ihm steht ein kleiner Tisch mit Dutzenden Mikrofonen, das Medieninteresse ist riesig. Etwa 150 Leute drängen sich in dem engen, abgedunkelten Raum, Journalistinnen und Journalisten aus ganz Europa, aber auch seine Fans. Während die Anhängerinnen und Anhänger Puigdemonts "Unser Präsident" rufen und applaudieren – selbst aus Katalonien sind Vertreter des Regionalparlaments angereist, um ihren Ex-Präsidenten zu unterstützen – klappt Puigdemont sein iPad auf und verliest eine Erklärung.

Minutiös sind die nächsten Minuten komponiert, so hat es die inzwischen arbeitslose Sprecherin der diplomatischen Vertretung Kataloniens in Deutschland angekündigt: Fünf-Minuten-Statement auf Katalanisch, dann auf Englisch, erst dann auf Spanisch. Puigdemont weiß, wie man international Aufmerksamkeit erregt. "Die spanische Regierung muss die Demokratie akzeptieren", fordert er bestimmt. "Wir brauchen einen neuen politischen Dialog." 

Seit fast genau 48 Stunden ist der Separatistenführer wieder auf freiem Fuß, nachdem ihn das Oberlandesgericht in Schleswig-Holstein auf Kaution freigelassen hat. Sein erstes Ziel: Berlin. Überraschend gut gelaunt und ausgeruht wirkt der 55-Jährige. Wie immer trägt er einen grauen Anzug mit der gelben Schleife am Revers, zur symbolischen Unterstützung seiner inhaftierten Mitstreiterinnen und Mitstreiter.

Zurück zu einem normalen Leben?

Dabei waren die letzten Tage extrem turbulent. In der Nacht auf Samstag erhält Richard Stein, der Betreiber des Kulturzentrums, eine E-Mail: Ob er am nächsten Tag einen Raum für eine Pressekonferenz Puigdemonts organisieren könne? Die Haustechnikerin wird nachts um halb zwei per SMS informiert.

Puigdemonts erster großer Auftritt vor der Hauptstadtpresse ist improvisiert. Aber so ist derzeit wohl das ganze Leben des Ex-Regionalpräsidenten – und vielleicht auch die gesamte politische Unabhängigkeitsbewegung Kataloniens. Die Konstellationen werden immer verrückter: Drei seiner engsten Mitstreiter sitzen in Spanien in Untersuchungshaft, darunter Jordi Sànchez, der eben erst wieder zum neuen Präsidentschaftskandidaten ernannt wurde. Sànchez sitzt wegen des Vorwurfs der Rebellion ein. Auch Puigdemont wurde wegen Rebellion gesucht. Er, der Ex-Präsident Kataloniens und Anführer der Unabhängigkeitsbewegung, muss sich nach der Entscheidung des Oberlandesgerichts am Freitag in Deutschland erst einmal nur noch wegen Untreue verantworten. 

Was genau Puigdemont in den kommenden Stunden und Tagen machen will, das weiß im Moment niemand so genau. Auch er selbst sagt: "Ehrlich gesagt weiß ich noch nicht, wie es weitergeht." Erst einmal wolle er in Berlin bleiben und von dort für seine Sache kämpfen. Gleichzeitig sagt Puigdemont aber auch: "Ich möchte jetzt einfach nur zu einem normalen Leben zurückfinden."

Mit Berlin sei er zufrieden, schon vor dreißig Jahren sei er einmal hier gewesen, es sei "eine der interessantesten Städte Europas". Sobald er aber könne, wolle er nach Belgien zurückkehren, dort sitze schließlich sein Anwaltsteam, dort habe er sich im Exil eingerichtet. Nein, deutsche Politiker wolle er vorerst nicht treffen, sagt Puigdemont, schließlich gehe es ihm um das katalanische Volk, nicht um das deutsche. 

"Ich wollte den Konflikt nicht in andere Staaten tragen"

Puigdemont genießt sichtlich die Aufmerksamkeit, die ihm an diesem Wochenende in Berlin zuteil wird. Der Rebell hat es in die Bundeshauptstadt geschafft, wenn auch unter anderen Umständen als geplant – als Freigänger, der sich regelmäßig bei den Behörden melden muss und das Land nicht verlassen darf, bis das Oberlandesgericht in Schleswig entschieden hat, ob eine Auslieferung wegen des Untreuevorwurfs rechtlich zulässig ist.

Eines ist klar: Von Berlin aus wird er weiter nerven, nicht nur Spaniens Regierung in Madrid, sondern ganz Europa. Puigdemont hat nie verhehlt, dass er das Anliegen seiner katalanischen Unabhängigkeitsbewegung am liebsten auf europäischer Ebene diskutiert hätte. Das fordert er auch an diesem Samstag: Europa müsse vermitteln, der Konflikt müsse mit "politischen Werkzeugen" gelöst werden. Dabei deutet er sogar Zugeständnisse an: "Die Unabhängigkeit ist für uns nicht die einzige Lösung. Wir sind bereit, zuzuhören", sagt Puigdemont.

Bislang hat die Bundesregierung erfolgreich versucht, sich aus dem Katalonien-Konflikt herauszuhalten. Kanzlerin Angela Merkel hat immer betont, dass es sich bei der Katalonien-Frage um eine "innerspanische Angelegenheit" handele. Und auch aus anderen europäischen Hauptstädten kamen kaum Reaktionen zu dem großen politischen Streit, der Spanien seit Monaten politisch lähmt – zu groß ist die Sorge, dass andere Regionen in anderen Staaten Katalonien als Vorbild nehmen könnten für eigene Unabhängigkeitsforderungen.

Mit Puigdemonts neuer Wahlheimat Berlin ist der Druck auf die Bundesregierung noch einmal gestiegen. Zwar sind die Gerichte zuständig, aber schon jetzt beginnt die politische Auseinandersetzung: Bundesjustizministerin Katarina Barley hält etwa die Entscheidung der Richter, den Separatistenanführer freizulassen, für "absolut richtig", wie sie der Süddeutschen Zeitung sagte. "Ich habe sie so erwartet", so die SPD-Politikerin. Spanien müsse nun darlegen, warum sich Puigdemont einer Untreue schuldig gemacht haben soll, was nicht so einfach sein werde. Die Antwort aus Spanien folgte sofort: Außenminister Alfonso Dastis kritisierte Barleys "unglückliche Aussagen". "Wir glauben, dass Kommentare zu Entscheidungen von Richtern zu diesem Zeitpunkt nicht passend sind", sagte er.

"Ich wollte den Konflikt nicht in andere Staaten tragen"

Auch innenpolitisch wird Puigdemont die Diskussionen in den nächsten Tagen oder gar Wochen in Deutschland mitbestimmen: Schon jetzt fordern die ersten Oppositionspolitiker, dass die Bundesregierung als Vermittler in dem Konflikt auftreten soll. Und dass im Bundeskanzleramt und im Innenministerium schon jetzt über Puigdemont und seine Auslieferung beraten wird, ist bei der Tragweite dieser Entscheidung extrem wahrscheinlich. 

Puigdemont gibt sich dagegen in Berlin ganz unschuldig: Er habe nicht damit gerechnet, in Deutschland festgenommen zu werden, erzählt er. "Ich wollte den Konflikt nicht in andere Staaten tragen." Aber jetzt sei er nun mal hier. 

Seine Anhängerinnen und Anhänger freut das. Sie applaudieren und rufen laut "Visca Catalunya"; Lang lebe Katalonien. Die deutsche Bundesregierung wird die Rufe kaum mehr ignorieren können.