Puigdemont genießt sichtlich die Aufmerksamkeit, die ihm an diesem Wochenende in Berlin zuteil wird. Der Rebell hat es in die Bundeshauptstadt geschafft, wenn auch unter anderen Umständen als geplant – als Freigänger, der sich regelmäßig bei den Behörden melden muss und das Land nicht verlassen darf, bis das Oberlandesgericht in Schleswig entschieden hat, ob eine Auslieferung wegen des Untreuevorwurfs rechtlich zulässig ist.

Eines ist klar: Von Berlin aus wird er weiter nerven, nicht nur Spaniens Regierung in Madrid, sondern ganz Europa. Puigdemont hat nie verhehlt, dass er das Anliegen seiner katalanischen Unabhängigkeitsbewegung am liebsten auf europäischer Ebene diskutiert hätte. Das fordert er auch an diesem Samstag: Europa müsse vermitteln, der Konflikt müsse mit "politischen Werkzeugen" gelöst werden. Dabei deutet er sogar Zugeständnisse an: "Die Unabhängigkeit ist für uns nicht die einzige Lösung. Wir sind bereit, zuzuhören", sagt Puigdemont.

Bislang hat die Bundesregierung erfolgreich versucht, sich aus dem Katalonien-Konflikt herauszuhalten. Kanzlerin Angela Merkel hat immer betont, dass es sich bei der Katalonien-Frage um eine "innerspanische Angelegenheit" handele. Und auch aus anderen europäischen Hauptstädten kamen kaum Reaktionen zu dem großen politischen Streit, der Spanien seit Monaten politisch lähmt – zu groß ist die Sorge, dass andere Regionen in anderen Staaten Katalonien als Vorbild nehmen könnten für eigene Unabhängigkeitsforderungen.

Mit Puigdemonts neuer Wahlheimat Berlin ist der Druck auf die Bundesregierung noch einmal gestiegen. Zwar sind die Gerichte zuständig, aber schon jetzt beginnt die politische Auseinandersetzung: Bundesjustizministerin Katarina Barley hält etwa die Entscheidung der Richter, den Separatistenanführer freizulassen, für "absolut richtig", wie sie der Süddeutschen Zeitung sagte. "Ich habe sie so erwartet", so die SPD-Politikerin. Spanien müsse nun darlegen, warum sich Puigdemont einer Untreue schuldig gemacht haben soll, was nicht so einfach sein werde. Die Antwort aus Spanien folgte sofort: Außenminister Alfonso Dastis kritisierte Barleys "unglückliche Aussagen". "Wir glauben, dass Kommentare zu Entscheidungen von Richtern zu diesem Zeitpunkt nicht passend sind", sagte er.

"Ich wollte den Konflikt nicht in andere Staaten tragen"

Auch innenpolitisch wird Puigdemont die Diskussionen in den nächsten Tagen oder gar Wochen in Deutschland mitbestimmen: Schon jetzt fordern die ersten Oppositionspolitiker, dass die Bundesregierung als Vermittler in dem Konflikt auftreten soll. Und dass im Bundeskanzleramt und im Innenministerium schon jetzt über Puigdemont und seine Auslieferung beraten wird, ist bei der Tragweite dieser Entscheidung extrem wahrscheinlich. 

Puigdemont gibt sich dagegen in Berlin ganz unschuldig: Er habe nicht damit gerechnet, in Deutschland festgenommen zu werden, erzählt er. "Ich wollte den Konflikt nicht in andere Staaten tragen." Aber jetzt sei er nun mal hier. 

Seine Anhängerinnen und Anhänger freut das. Sie applaudieren und rufen laut "Visca Catalunya"; Lang lebe Katalonien. Die deutsche Bundesregierung wird die Rufe kaum mehr ignorieren können.