Am heutigen Donnerstag kommt Emmanuel Macron nach Berlin – um dort abgewatscht zu werden. Natürlich wird das in aller gebotenen Höflichkeit passieren, dennoch wird es passieren. Der französische Präsident möchte seit Monaten die EU reformieren und hat dafür viele Vorschläge gemacht. Nur: Alleine kann er sie nicht umsetzen, er braucht die deutsche Bundesregierung. Die will aber nicht, auch das schon seit Monaten.

Erst, weil es sie nicht gab, jedenfalls nicht in handlungsfähiger Form. Dann, weil sie nicht wusste, was sie überhaupt noch an der EU mag, was sie nicht mag und auf welches gemeinsame Urteil sie sich noch einigen kann. Nun scheinen sich Kanzlerin Angela Merkel und ihr neuer Finanzminister Olaf Scholz darauf geeinigt zu haben, erst mal nicht viel verändern zu wollen und Europa auf eine Weise abzuhandeln, dass man schon beim Zuhören die Lust verliert.

Der Grund ist so einfach wie fatal: Das ganze Denken der neuen Bundesregierung kreist, wenn von der EU die Rede ist, offensichtlich um nichts anderes als ums Geld. Ums deutsche Geld natürlich, auch wenn das inzwischen Euro heißt.

Nun ist es natürlich wichtig, wie in der EU Geld ausgegeben wird, für wen, wie viel und wer darüber entscheidet. Man muss profund darüber streiten, wie viel die EU-Kommission dabei zu sagen haben soll und wie viel das Parlament; ob es einen europäischen Finanzminister und eine europäische Steuer gegeben soll, oder ob die Hoheit über die Finanzen besser auch in Zukunft weitgehend bei den Regierungen bleiben soll, so wie es Merkel gerne hätte. Ebenfalls wichtig sind die Fragen, welche Lehren Europa aus der Finanzkrise noch ziehen muss, wie sich die Union am besten für die nächste Krise rüstet und wie sie wettbewerbsfähig und ihre Wirtschaft stark bleiben soll.

Doch die Bundesregierung und vor allem konservative und liberale Abgeordnete verkürzen das Nachdenken über Europa auf ein Schwarz-Weiß-Szenario: Für sie stehen auf der falschen Seite die Franzosen, die angeblich wie alle Südländer vor allem unser Geld ausgeben wollen und nur deswegen Reformen und mehr Macht für die EU fordern. Und auf der anderen Seite stehen wir, die sparsamen Deutschen, unterstützt von ein paar noch sparsameren Nordländern. Deswegen steht jede Veränderung, jedes Mehr an Europa oder auch nur jede andere EU unter dem Generalverdacht des Prassens. Die SPD-Führung scheint sich dieser Erzählung angeschlossen zu haben. Finanzminister Scholz wird gar nicht erst zum Treffen mit Macron erscheinen, er reist nach Washington.

Die neue Bundesregierung will zwar offiziell die Reform der EU, aber de facto keine Macht dafür abgeben. Sie propagiert offiziell ein starkes Europa, verwendet aber wenig Energie auf die Suche nach einem guten Weg. Schlimmer noch: Sie hat keine Ideen mehr und will auch keine mehr haben, jedenfalls keine beflügelnden. Die EU, das ist deutlich zu spüren, ist ihr eine Last: kompliziert, schwer, teuer, ermüdend. Definitiv nichts, das zum Träumen anregt.

So unkreativ, dass man darüber weinen möchte

Zwar hat Macron in den vergangenen Monaten bewiesen, das eine andere EU möglich ist. Er hat eine Wahl mit einem starken Plädoyer für den Euro gewonnen, anstatt wie der SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz die Europakompetenz zu verstecken oder wie Merkel Europa schlicht wegzuverwalten. Macron zeigt immer wieder, dass ein proeuropäischer Geist viel Energie freisetzen kann. Das trauen die führenden Figuren in SPD und CDU sich und den Bürgern aber nicht zu. Deswegen verengen die Kanzlerin und der neue sozialdemokratische Finanzminister die Debatte über die EU und ihre Reform so gern auf die Worte: Geld, Wirtschaft und Finanzen. Sie kommen dann zu dem Schluss: Jede große Veränderung ist zu teuer für Deutschland.

Das ist, mit Verlaub, so unkreativ, dass man darüber weinen möchte.

Träumen wir doch mal einen Moment an ihrer Stelle: Was wäre denn, wenn Merkel den französischen Präsidenten mit folgenden Worten begrüßte? Cher ami, lieber Freund, wir wissen ja beide, dass in Europa vieles nicht so funktioniert, wie es sein sollte. Wir alle haben die Populisten im Nacken, die die EU gern gestern abgeschafft hätten, und das macht uns allen Angst. Deswegen brauchen wir jetzt Fantasie. Lassen wir den Streit um den Finanzminister, die EU-Steuer oder den Haushalt mal einen halben Tag beiseite und reden ganz offen darüber, was wir gemeinsam machen würden – wenn es die EU nicht gäbe. Und was auch besser nicht.

Und dann, so träumen wir weiter, würden sich die beiden und ihre Berater ein paar Fragen stellen, die viele europäische Bürgerinnen und Bürger bewegen.

Wie können wir beispielsweise den amerikanischen Digitalkonzernen trotzen und unsere Daten besser schützen? Wahrscheinlich geht das gemeinsam besser. Brauchen wir noch eine gemeinsame Agrarpolitik, für die der größte Teil des EU-Geldes ausgegeben wird, die sich im Großen und Ganzen aber darauf beschränkt, eine umweltschädliche, industrielle Landwirtschaft zu subventionieren? Vielleicht wäre hier eine grundsätzliche Reform gut, und zwar eine, die sich von Land zu Land unterscheidet. Wie können wir den Energiemarkt so umbauen, dass Sonnenstrom aus dem Süden und Windenergie aus dem Norden die fossilen Energien überflüssig machen und das schon bald? Wahrscheinlich braucht es hier mehr EU. Und wie helfen wir den Gegenden in Europa, in denen sich die Menschen abgehängt fühlen und in denen populistische Parolen immer mehr Leute überzeugen: Können wir dabei voneinander lernen?

Es gäbe noch viel mehr Themen für das Gespräch, vielleicht andere, vielleicht bessere. Präsident Macron hat einige davon in seiner Rede an der Sorbonne erwähnt. Sie alle würden das Reden über das Geld nicht erübrigen. Aber sie würden ihm Sinn geben.