Ich halte Wladimir Putin weder für einen lupenreinen Demokraten noch für ein Unschuldslamm. Wenn er wirklich das Giftgasattentat auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal gebilligt oder gar angeordnet haben sollte, wäre eine scharfe Reaktion mehr als gerechtfertigt. Doch die Beweise, die London bisher der Öffentlichkeit vorgelegt hat, sind mehr als dürftig. Selbst der frühere BND-Chef Gerhard Schindler hält die Beleglage für "nicht so robust".

Die Brexit-geplagte Theresa May hat die Solidarität der Partner in Nato und EU eingefordert. Sie hat sie erhalten auf der Grundlage von Vermutungen, Annahmen, Unterstellungen, die ihre Regierung zu einer Plausibilitätskette zusammengefügt hat, die alles andere als überzeugend ist. Da wird allerhand Unvereinbares zusammengeschmiedet. Russland besitze ein Mittel: das Nervenkampfmittel Nowitschok. Es habe ein Motiv – hatte Putin nicht Verrätern Übles angedroht? Der Anschlag passe zu früheren Attacken, etwa auf Alexander Litwinenko im Jahr 2006. Er füge sich ein in Moskaus Konfrontationslinie: Annexion der Krim und Abtrennung des Donbas von der Ukraine, Abschuss der malaysischen Passagiermaschine MH17, Beeinflussung der amerikanischen Wahlen, Hackerattacken auf westliche Regierungen und Parlamente.

Das sind alles verurteilungswürdige Angriffe, Übergriffe und Eingriffe. Beweise im Falle Skripal sind sie nicht. Zu mehr als einem "höchstwahrscheinlich waren es die Russen" oder "es gibt keine andere Erklärung" summieren sich die Indizien nicht.

Ein geheimdienstliches Erkennungsbild?

Überhaupt weckte die britische Argumentation mehr Zweifel als sie beseitigte. Schon die Einordnung des Attentats in die Kategorie Erster Einsatz von Massenvernichtungswaffen auf europäischem Boden seit dem Ersten Weltkrieg war eine maßlose Übertreibung, als habe es sich um einen Giftgasangriff großen Stils gehandelt. Sie stammte von Außenminister Boris Johnson, einem notorischen Aufschneider, Übertreiber und Provokateur, der sich auch zu der Behauptung verstieg, Putin habe den Einsatz, wiederum: "höchstwahrscheinlich", persönlich angeordnet.

Ein ums andere Mal verhedderten sich die Regierungssprecher. Johnson erklärte zunächst, die Wissenschaftler des Militärlabors Porton Down hätten "absolut kategorisch klargemacht, dass das Gift aus Moskau kam". Dann musste er sich von dessen Direktor öffentlich korrigieren lassen: Das britische Forschungszentrum für chemische und biologische Waffen sei nicht in der Lage gewesen, die Herkunft des militärspezifischen Nervengifts festzustellen, worauf das Außenministerium einen Interneteintrag löschte, in dem dies behauptet worden war.

Schließlich hieß es, ein breiteres geheimdienstliches Erkennungsbild habe das amtliche Urteil maßgeblich beeinflusst. Der Times wurde die Information gesteckt, der Kampfstoff sei aus Schichany gekommen, dem 800 Kilometer südöstlich von Moskau an der Wolga gelegenen russischen Chemiewaffenlabor. Dort seien auch Attentatsexperimente unternommen worden.

Nun weiß man seit dem unrühmlichen Auftritt Colin Powells vor dem UN-Sicherheitsrat, in dem der bewusst fehlgeleitete US-Außenminister den Irak-Krieg wegen Saddam Husseins in Wahrheit nicht vorhandenen Massenvernichtungswaffen rechtfertigte, was Geheimdienste anrichten können. Auch wenn sie die Fakten nicht manipulieren – sie können sich irren.