Es war nicht eben der spektakuläre Aufschlag. Seit Monaten geistert die Idee einer "linken Sammlungsbewegung" durch die politische Landschaft, angestiftet von Linksfraktionschefin Sahra Wagenknecht und ihrem Ehegatten, dem früheren Linkspartei-Vorsitzenden Oskar Lafontaine.

Und dann, ein erster Name eines Unterstützers: Der frühere SPD-Sozialpolitiker Rudolf Dreßler, 77, kündigte in der vergangenen Woche an, den Aufruf für die Bewegung unter dem Arbeitstitel #fairLand zu unterschreiben. Die SPD sei "todkrank", sagte der langjährige Bundestagsabgeordnete und ehemalige deutsche Botschafter in Israel dem Spiegel. Und: "Eine andere, linke Politik in diesem Land ist alleine mit meiner Partei nicht mehr möglich."

Im November vergangenen Jahres hatte Lafontaine in einem Zeitungsinterview erstmals über das Vorhaben einer Sammlungsbewegung gesprochen. Größeres Aufsehen erregte das Projekt erst um die Jahreswende, nachdem auch Wagenknecht dafür trommelte. Weder in der Linkspartei noch bei SPD und Grünen fand die Idee große Resonanz. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil bekräftigte seine Skepsis am Mittwoch. Er sagte dem Tagesspiegel: "Ob das tatsächlich eine Sammlungsbewegung wird, wage ich zu bezweifeln. Ich sehe da bisher vor allem alte Gesichter und höre populistische Untertöne. Eine politische Linke der Zukunft stelle ich mir anders vor." 

Auch Juso-Chef Kevin Kühnert hatte sich wenig begeistert gezeigt. "Nicht meine Sammlungsbewegung", schrieb er auf Twitter. "In jedem Themenfeld die gesellschaftliche Applaus-Position zu vertreten, ist nicht links, sondern auf eine unpolitische Weise populär." Lediglich der linke SPD-Bundestagsabgeordnete Marco Bülow ist offen.

Die Mitte-Links-Diskussion sei trotz inhaltlicher Unterschiede zwischen den Parteien wichtig, "sonst freuen sich Rechte und Konservative", sagte er dem Tagesspiegel. Eine reflexhafte Abwehr gegen die Idee von Wagenknecht und Lafontaine sei "nicht besonders hilfreich", meint er. "Es ist problematisch, wenn sich alle in ihren Parteien einzementieren."

Lafontaine derweil kanzelt seine innerparteilichen Gegner, die das Projekt kritisiert hatten, als "Trottel" ab. Die Gewinnung von Unterstützern gelingt nur zögerlich. Vor allem in der Linkspartei gibt es Angst, es könnte eine konkurrierende Partei entstehen - obwohl Wagenknecht das immer wieder bestritten hatte.

"Das gesellschaftliche Klima wird vergiftet"

Ein fünfseitiger Aufruf der #fairLand-Bewegung ist seit einer Woche bekannt, Der Freitag hat die bisher von den Initiatoren nicht ausdrücklich autorisierte Fassung im Internet dokumentiert. Unter der Überschrift "Für ein gerechtes Land" wird unter anderem Angela Merkels Asyl-Politik kritisiert, diese "unehrlich und inakzeptabel" genannt: "Für nicht wenige bedeuten innereuropäische Freizügigkeit und Zuwanderung vor allem: mehr Konkurrenz um schlecht bezahlte Arbeitsplätze." Die Flüchtlingskrise habe zu großer Verunsicherung geführt. Armut müsse vor Ort bekämpft werden, Perspektiven müssten in den Heimatländern geschaffen werden. Weiter heißt es: "Wenn die Politik dann noch zuschaut, wie Hassprediger eines radikalisierten Islam schon fünfjährigen Kindern ein Weltbild vermitteln, das Integration nahezu unmöglich macht, wird das gesellschaftliche Klima vergiftet." US-Präsident Donald Trump wird als unberechenbar kritisiert, zugleich beklagt: "Im Verhältnis zu Russland herrscht Eiszeit." Wagenknecht erklärt inzwischen, die Initiative werde nicht #fairLand heißen.

Konstantin Wecker und Ingo Schulze im Gespräch

Nach und nach wird auch klar, um welche Milieus und Personen sich Lafontaine und Wagenknecht bemühen. Beim SPD-Altlinken Dreßler soll es nicht bleiben. Nach Tagesspiegel-Recherchen führen die Initiatoren Gespräche etwa mit dem Liedermacher Konstantin Wecker und dem Schriftsteller Ingo Schulze. Offen für die Pläne ist auch der 2014 emeritierte Kölner Sozialwissenschaftler Wolfgang Streeck. Alle drei bestätigen auf Anfrage ihr Interesse an dem Sammlungsbewegungs-Projekt, zögern aber mit einer öffentlichen Festlegung.