Zehn Familien aus fünf EU-Staaten sowie Kenia und Fidschi haben heute bei der Europäischen Union eine Sammelklage eingereicht. Sie werfen der Europäischen Kommission vor, zu wenig für die Einhaltung der Klimaziele bis 2030 zu tun. Damit drohten ihre Grundrechte auf Leben und Gesundheit, auf das Wohl der Kinder sowie auf Eigentum und Berufsfreiheit verletzt zu werden. Die Familien fordern die EU auf, CO2-Emissionen stärker zu reduzieren. Unterstützt werden sie von den Nichtregierungsorganisationen Climate Action Network Europe, Protect the Planet und Germanwatch.

Eine der Klägerfamilien kommt aus Deutschland. Maike Recktenwald führt ein Biohotel mit Restaurant auf der ostfriesischen Insel Langeoog, wo sie mit ihrem Ehemann und Sohn lebt.

ZEIT ONLINE: Frau Recktenwald, warum beteiligen Sie sich an der Klage?

Maike Recktenwald: Wir nehmen den Klimawandel besonders wahr, weil wir hier mit der Natur leben. Wir wohnen hundert Meter vom Strand entfernt und der Meeresspiegel steigt. Auch wenn wir das noch nicht sehen können, so ist das doch eine langfristige Bedrohung für unser Dorf. Schon jetzt merken wir den Unterschied beim Wetter: Im vergangenen Winter hatten wir sehr viel Niederschlag und extrem viel Westwind. Normalerweise haben wir in den Wintermonaten Ostwind. Der Westwind drückte das Regenwasser in die deutsche Bucht hinein. Normalerweise leiten die Deichschleusen das Regenwasser über das Entwässerungssystem von der Insel ab. Dieses Mal aber war das System voll ausgelastet, beinahe ist das Regenwasser ungefiltert in die Süßwasserbrunnen gelaufen. Dann hätten wir auf der Insel keine Trinkwasserversorgung mehr gehabt. Das könnte man jetzt als Sonderfall abtun. Ich bin mir sicher: Es ist eine Folge des Klimawandels. Wenn der Meeresspiegel weiter steigt, ist die Entwässerung der ostfriesischen Inseln in hundert Jahren gar nicht mehr möglich. Dazu gibt es inzwischen Messungen.

ZEIT ONLINE: Warum klagen Sie nicht vor einem deutschen Gericht? Schließlich kann man die EU nur in Sonderfällen direkt verklagen. Dazu müssen Sie nachweisen, dass die EU-Gesetzgebung Sie direkt betrifft?

Recktenwald: Was bei uns auf der Insel und allgemein durch den Klimawandel passiert, ist ein globales Problem, das wir gemeinsam anprangern sollten. Deshalb muss die EU hier endlich greifen.

ZEIT ONLINE: Verglichen mit China und den USA ist die EU nicht untätig. Sie hat ihren Mitgliedsstaaten bis 2030 40 Prozent Emissionsminderung im Vergleich zu 1990 verordnet und droht mit Geldbußen. Ist Ihnen das zu wenig?

Recktenwald: Das ist klar zu wenig. Forschungserkenntnisse belegen das auch. Aber es geht neben der Forderung nach deutlich weniger Emissionen auch darum, die Menschen für das Thema zu sensibilisieren und die Lebensgrundlagen wertzuschätzen. Das mache ich hier im Hotel jeden Tag, wenn ich mit den Gästen spreche. 

ZEIT ONLINE: Die Mitgliedsstaaten entscheiden letztendlich selbst, ob sie sich an die Vorgaben der EU halten. Warum also eine Klage auf europäischer Ebene?

 Recktenwald: Ich kann nicht sagen, inwieweit die EU die Mitgliedsstaaten bestrafen oder sanktionieren sollte. Dass das geht, zeigt aber derzeit die Klage gegen Deutschland aus Brüssel wegen schlechter Luft in den Städten. Jetzt passiert etwas, es gibt Fahrverbote. So ähnlich könnte es auch beim Klimawandel laufen: Deutschland hat so viele Forschungserkenntnisse zum Klimawandel. Es muss daran einfach mehr öffentliches und mehr wirtschaftliches Interesse geben, den Klimawandel zu stoppen. Welche einzelnen Maßnahmen erarbeitet werden sollen, das überlasse ich den Experten. 

ZEIT ONLINE: Müssten nicht eigentlich Menschen auf Tuvalu oder anderen Pazifikinseln klagen? Immerhin sind sie diejenigen, die den Klimawandel am stärksten spüren.

Recktenwald: Ganz sicherlich auch, aber wenn sie nicht die Möglichkeit haben und ich schon, dann muss ich es doch tun. Ich mache es ja nicht für mich. Es geht um die Generationen nach mir. Momentan wird der Zukunft des Planeten gar keinen Wert beigemessen. Der muss bei uns genauso wie auf den Fidschi-Inseln wiederhergestellt werden. Irgendjemand muss anfangen und das können wir hier tun. Deshalb haben sich auch die Familien aus Kenia und Fidschi unserer Klage angeschlossen.

 ZEIT ONLINE: Ist die Sammelklage nicht vor allem eine Kampagne der Umweltschützer-Nichtregierungsorganisationen?

Recktenwald: Was ist daran schlecht? Grundsätzlich muss gutes Marketing nichts Negatives sein. Gerade, wenn man auf gesellschaftliche Probleme hinweisen und mehr Menschen erreichen möchte.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass Sie mit der Aktion wirklich die Zukunft ihres Sohnes und seiner Kinder verbessern werden?

Recktenwald: Wenn ich die Hoffnung nicht hätte, etwas verändern zu können, dann hätte ich vor zehn Jahren kein Biohotel aufgebaut. Irgendjemand muss ja anfangen. Die Europäische Union und Deutschland haben wirtschaftlichen und politischen Einfluss in der Welt. Und wenn wir hier strengere Vorgaben und Bedingungen durchsetzen, dann kann sich etwas verändern. So kann es jedenfalls nicht weitergehen. Es wäre großartig, wenn wir den Klimawandel in der Generation meiner Enkelkinder aufhalten könnten.