Es könnten herrliche Zeiten sein für die Linken. Die deutsche Sozialdemokratie ist stehend k. o., inhaltlich festgenagelt auf eine bedingungslose Mittigkeit, in Umfragen auf dem Weg zu den 15 Prozent. Der Neoliberalismus liegt am Boden und in regelmäßigen Abständen bestätigt dieser oder jener Meinungsforscher, dass Gerechtigkeit den Deutschen ein wichtiges Anliegen ist, dass sie sich mehr Solidarität wünschen oder dass sie ungleiche Einkommensverteilung wirklich wütend macht. Und so liegt vor der Partei eigentlich eine ganze Tundra der linken Mitte, die nur darauf wartet, dass irgendjemand sie besiedelt.

Allein: Die Linke profitiert von all dem nicht. In den Umfragen liegt die Partei derzeit bei etwa zehn Prozent. Die gleichen zehn Prozent also, die sie schon vor einem Jahr hatte oder vor zwei oder vor drei oder auch schon einmal vor vier. 

Nun trifft sich die Linke in der kommenden Woche zu einem dreitägigen Parteitag, was stets ein Anlass zur Selbstbefragung bietet. In diesem Fall also: Warum um alles in der Welt will es der Linken nicht gelingen, von der eklatanten Dauerschwäche der SPD zu profitieren? Mehr noch: Warum wirkt sie gerade jetzt so besonders übellaunig und verspannt. Und warum bekriegt sie seit Monaten lieber sich selbst als das Kapital?

Mobbing oder Terror?

Eine naheliegende, aber doch in die Irre führende Erklärung beginnt und endet mit zwei Frauen, die schon mächtig sind, aber gerne noch mächtiger wären. Seit Wochen bestimmt der Streit zwischen der Parteichefin Katja Kipping und Sahra Wagenknecht die Schlagzeilen über die Partei. Auf wütende Interviews folgen noch wütendere offene Briefe, unverhohlene Drohungen und beißenden Spott, der von der jeweils einen Seite über die andere ausgekübelt wird. Von "Terror" ist bei den einen die Rede, von "Mobbing" bei den anderen. Jene, die sich keinem der beiden Lager zugehörig fühlen – und davon gibt es in der Linkspartei wesentlich mehr als es den Anschein hat – reagieren augenrollend, wenn man sie nach ihren vordersten Repräsentantinnen befragt. Und dennoch können sie sich dem Bann dieses Konflikts nicht entziehen. Und so erzählt man sich überall in der Partei ebenso genervt wie genüsslich Geschichtchen und Gemeinheiten über die Fehltritte und Schwächen der einen oder der anderen. 

Auch vor dem Parteitag wird es wieder darum gehen: Wird das Wagenknecht-Lager die Parteivorsitzenden attackieren? Werden Kipping und ihr Co-Vorsitzender, Bernd Riexinger, gestärkt oder geschwächt? Und wer schickt wie viel Stellvertreter in den Vorstand? Nun sind diese Fragen alle nicht ganz unwichtig, denn mit Ämtern ist Macht und mit Macht ist Richtlinienkompetenz verbunden. Doch um die gereizte Lähmung der Linken zu verstehen, hilft es, wenn man sich für einen Moment weg von der Macht bewegt, um ihr näherzukommen. Denn alle Kämpfe an der Oberfläche sind der Ausdruck von Widersprüchen im Innersten. 

Dilemma 1: Die Krise der SPD ist auch eine Krise für die Linken

 
Im Kosmos der Linken war die SPD stets ein natürlicher Fixstern. Hielt man die Sozis für Arbeiterverräter oder für im Grunde ganz vernünftige Leute? Warb man für eine Koalition oder arbeitete man dagegen? Über Jahre waren solche Fragen formgebend für die gesamte Linkspartei. Distanz und Nähe zur Macht und damit zu den Sozialdemokraten schliffen die Konturen der Flügel und ordneten die Debatten. 

Heute gibt es schlicht keine Machtoption mehr. Rot-Rot-Grün wird nicht einmal mehr von den kühnsten Theoretikern noch als ernsthafte Perspektive erwogen, was nun nicht mehr daran liegt, dass die SPD nicht will, sondern dass sie nicht mehr kann. Und selbst in den Bundesländern, in denen die Linken noch regieren, sind mit dem Aufstieg der AfD die rot-rot-grünen Bündnisse einstweilen in weite Ferne gerückt. Selbst bei den linkesten Linken gibt es nun plötzlich einen Phantomschmerz. Von "Fehlern" im eigenen Umgang mit den Sozialdemokraten ist da plötzlich die Rede, von "progressiven Mehrheiten", für die man doch kämpfe.  

Denn an die Stelle der alten Bündnisse sind heute wacklige Allianzen getreten. Die ostdeutschen Reformer paktieren seit einiger Zeit erfolgreich mit dem Lager um Sahra Wagenknecht. Und die Reala Katja Kipping wird unterstützt von einem bunten Netzwerk aus radikalen Trotzkisten, westdeutschen Kommunisten und Gewerkschaftslinken. Bildeten sich die Lager früher also entlang von Sachfragen, hält sie heute vor allem die Gegnerschaft zu den jeweils anderen zusammen.

Das Ergebnis ist eine machtpolitische Agonie, die die Debatten über Inhalte und Strategie blockiert. Dabei wären diese gerade ziemlich notwendig. 

Dilemma 2: Wir können nicht mehr sein, wer wir waren. Aber wer wollen wir sein?

 
Im Umgang mit Menschen ist es eine simple Erkenntnis, dass es hilft, zu wissen, woher jemand kommt, um ihn besser zu verstehen. Das gilt freilich auch für Parteien. 

Also, wer waren die Linken? Zunächst: Eine Heimatpartei. Die PDS wurde im Osten stark, als den Ostdeutschen klar wurde, dass sich die Versprechungen, die man ihnen gemacht hatte, und die Realität ziemlich auseinanderklafften. 

Eine besonders optimistische Vision für die Zukunft hatten sie dabei nicht parat. Ganz im Gegenteil: Die PDS wurde stark, weil sie bewahrte, verteidigte, den Wandel bisweilen bekämpfe. Der Nostalgie einer zerronnenen Heimat gab sie eine politische Form. Sie war in diesem Sinne eine durch und durch konservative Partei – und gerade darin lag ihr Erfolgsrezept. Die biografischen Brüche, die Kränkungen und Zurückweisungen, die viele erfahren mussten, verkörperten die Männer und Frauen der PDS so authentisch wie keine andere Partei. Sie repräsentierten die ostdeutsche Distanz zum Westen und konnte sich so ihrer Wähler auf lange Zeit sicher sein. 

Später dann, in den Schröder-Jahren, als die Menschen auf Gerechtigkeit hofften, aber SPD und Grüne zusammen die größten Sozialreformen der jüngeren deutschen Geschichte umsetzten, wurde aus der Heimatpartei die Protestpartei. Der Konservatismus aber blieb. Nun verteidigte die ostdeutsche Regionalpartei, inzwischen mit enttäuschten Sozialdemokraten zur Linken vereinigt, die Sicherheiten der rheinischen Bundesrepublik. Während SPD und Grüne Modernität zur Moral erhoben, sammelte die Linke den Teil der Bevölkerung, für den die strengen Rufe nach Eigenverantwortung kein Versprechen waren, sondern eine Bedrohung. Die Regierungsparteien schwärmten vom Fortschritt, die Linken beschworen den Wert der alten Institutionen. Und so blieben sie eine Partei des Bewahrens, nicht des Veränderns. Denn verändern wollten schließlich alle anderen. 

Doch so einfach ist es längst nicht mehr: Heute hat die große Koalition die Politik der konzentrierten Defensive perfektioniert. Von Zumutungen, Anstrengungen und Deregulierung ist, wenn überhaupt, nur vereinzelt noch die Rede. Im Osten schreitet der Prozess der Entfremdung von Heimatpartei und Heimat rasant voran, in ihren alten Hochburgen ist die Partei in einer schweren Krise. 

Und selbst der Sozialstaat ist für die Linken plötzlich zu einer schwer umkämpften Angelegenheit geworden: Für den Flügel um Sahra Wagenknecht bleibt er weiterhin die einzige Einheit, in der sich Emanzipation und Interessenausgleich bislang organisieren lassen. Für ihre Gegner ist der national umverteilte Wohlstand das Produkt globaler Ausbeutung. Die Gerechtigkeit ist für die Linken zu einem geografischen Streit geworden, der nur oberflächlich eine Auseinandersetzung um "die Flüchtlinge" ist. 

Und so befindet sich die Linke vor ihrem Parteitag in einer Art Überzeugungsvakuum. Eine reaktive Partei muss plötzlich aktiv werden, konservative und progressive Elemente der eigenen Politik setzen sich in ein neues Verhältnis.

Der Innendruck steigt, der Platz für Veränderungen wächst rasant. Doch scheint das die Linken bislang eher zu lähmen, als zu beflügeln. Statt frischer Konzepte produziert sie nervösen Streit.