Es war an einem Spätsommerabend im vergangenen September, als Emmanuel Macron in Athen vor der Akropolis stand und dort, wo einst die Demokratie erfunden wurde, das Ungeheuerliche aussprach: das Scheitern Europas. "Soll man sich damit begnügen, dies mit Bitterkeit festzustellen und auf das europäische Ideal zu verzichten?", fragte der französische Präsident und bot in seiner europapolitisch bisher bedeutendsten Rede eine Alternative an: "die Neugründung Europas".

Fast genau neun Monate sind seit diesem 7. September 2017 vergangen. Keine kurze Zeitspanne, in der Macrons Vision für eine Weiterentwicklung der EU durch viele Köpfe in Europa wanderte, ohne dass daraus irgendetwas wurde.

Die ungarische Regierung machte in der Zwischenzeit klar, dass ihr das EU-Recht egal ist, wenn es um die Verteilung von Flüchtlingen geht. In Deutschland zog die einst als Antieuropartei gegründete AfD in den Bundestag ein. US-Präsident Donald Trump hat die EU inzwischen mit seiner Entscheidung, Strafzölle auch auf Stahl und Aluminium aus Europa zu erheben, zu einer Gefahr für die nationale Sicherheit der USA erklärt. Die Italiener haben mittlerweile mehrheitlich zwei EU-skeptische Parteien in eine Regierung gewählt. Russlands Präsident Wladimir Putin versucht weiterhin, die EU zu spalten (Nord Stream 2). Und gegen Polen musste die EU unterdessen ein Vertragsverletzungsverfahren einleiten, das es in sechs Jahrzehnten europäischer Gemeinschaft nie gegeben hatte (Artikel 7).

"Es geht hier nicht nur um Polen, es geht um die gesamte Europäische Union", sagte der zuständige EU-Vizekommissionspräsident Frans Timmermans zum derzeitigen Desaster. Anders ausgedrückt: Die Probleme stapeln sich mal wieder. Die Hütte namens EU wackelt noch nicht so heftig wie 2008, als die weltweite Finanzkrise Europas Banken bedrohte und nicht nur in Griechenland Insolvenz-Angst herrschte. Aber weder ist im Sommer 2018 der Brexit geregelt, noch sind sich die übrigen 27 Mitgliedsstaaten der EU darüber einig, wo ihr gemeinsamer Weg sie einmal hinführen soll.

An dieser Stelle werden Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr am Sonntag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlichtes Interview wichtig. Merkel, die immerhin das Kunststück vollbracht hat, seit 2005 das wirtschaftlich wichtigste Land der EU zu regieren. Die vier Bundestagswahlen gewonnen, einen nationalen Atomausstieg gemanagt und auf europäischer Ebene die Finanz-, Ukraine- und Flüchtlingskrise mitbestimmt hat. Einige Medien haben sie auf dieser Grundlage zur mächtigsten Frau der Welt erklärt und damit womöglich etwas überzogen. Aber vielleicht entwickelt sich Merkel in der letzten Phase ihrer Karriere nun wirklich zu einer historischen Europäerin, die die echte Europäisierung Deutschlands einleitet.

Merkel hat lange gebraucht für ihre Antworten auf Macrons Vision, sehr lange. Punkt für Punkt geht sie im Interview auf die Reformvorschläge des Franzosen ein. Es scheint, als sei die Kanzlerin mittlerweile bereit für eine bessere EU:

  • Eine gemeinsame europäische Verteidigungspolitik, inklusive der Reduzierung der verwendeten Waffensysteme? Ja! "Sehr wichtig" nennt sie Merkel, die zwar den Begriff der EU-Armee vermeidet, aber den Weg dahin weiter unterstützen will.
  • Transnationale Wahllisten bei Europawahlen? Ja! "Auf Dauer wird es nur so funktionieren", sagt Merkel und bestätigt Macron in seinen Forderungen eins zu eins.
  • Eine Reform der EU-Institutionen? Ja! "Wir sollten weniger EU-Kommissare als bisher haben", sagt Merkel und stimmt auch hier mit Macron überein.
  • Ein neues europäisches Asylrecht? Ja! Grenzsicherung, gemeinsame Asylpolitik und Bekämpfung der Fluchtursachen sind für Merkel "wirkliche Existenzfragen für Europa".
  • Die Vollendung der Banken- und Kapitalmarktunion? Ja! "Brauchen wir", sagt Merkel. Darüber hinaus unterstützt sie einen neuen Europäischen Währungsfonds (EWF), der ähnlich stark werden soll wie der IWF.

Und dann ist da noch der umstrittenste Punkt in Macrons Vision für ein neues solidarischeres Europa: ein neuer Haushalt, der hilft, die wirtschaftlichen Unterschiede innerhalb der EU auszugleichen. Ja, sagt Merkel auch dazu, wenn auch etwas verklausuliert: "Wir brauchen in der Eurozone eine schnellere wirtschaftliche Konvergenz zwischen den Mitgliedsstaaten." Deshalb bekenne sie sich zu einem "Investivhaushalt" für die Eurozone.