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Vielleicht ist das Fahrrad die europäische Erfindung, die heutzutage die meisten Menschen in der EU Tag für Tag bewegt. Zwei Räder, ein Lenker und ab geht es. Das Fahrrad ist ein Geniestreich der Dynamik. Es wandelt menschliche Kraft in Fortbewegung, ohne die Umwelt zu schädigen. Es ist wie die Europäische Union, sagte Walter Hallstein einmal, der erste Präsident der Europäischen Kommission. Wenn es sich bewegt, kommt es voran. Wenn das Rad allerdings stillsteht, fällt es um, dann liegt es irgendwo im Matsch, rostet. Und nach einer Weile kommt ein Lkw, um den Sperrmüll abzuholen.

So ähnlich könnte es der Europäischen Union ergehen. Es steht gerade schlecht um die politische Idee, die noch vor sechs Jahren den Friedensnobelpreis erhielt. Italien verbietet Rettungsbooten mit Hunderten Hilfsbedürftigen die Einfahrt in sichere europäische Häfen. Dänemark will sein kleines nationales Territorium weiter abriegeln. Ungarn teilt offen mit, dass es die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes in Asylfragen ignorieren wird. Polen baut sein Justizsystem so um, dass die Rechtsstaatlichkeit im Ganzen in Gefahr ist. Und in Deutschland zerrüttet sich die erst seit gut 100 Tagen arbeitende Regierung an der Asyl-und Europafrage. Fünf Mitgliedsländer, zwei Themen: Hilflosigkeit angesichts der Migrationsherausforderung und Orientierungslosigkeit über die Zukunft der EU.

EU-Recht, das Fundament auf dem die Europäische Union erbaut ist, wird mittlerweile in Teilen ignoriert. Daneben gibt es ein Problem mit der aktuell in Verantwortung stehenden Politikergeneration. Ihr gelingt es nicht mehr, die Idee der EU mit neuem Elan voranzutreiben. Viele der derzeitigen Staats- und Regierungschefs und Vertreter der EU-Institutionen wirken wie Spatzen, die ehrfürchtig auf den Grabsteinen großer Europäer wie François Mitterrand oder Helmut Kohl sitzen. Kleine Vögel, die das heranziehende Unheil bestenfalls bemerken, aber zu schwach erscheinen, um es noch abzuwenden.

Der französische Präsident Emmanuel Macron, in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme, traute sich schon Anfang 2017 das Ungeheuerliche, aber nicht mehr Unwahrscheinliche auszusprechen: das "Scheitern der EU". Nach der weltweiten Finanzkrise, die zur Eurokrise führte, entwickelte sich im Jahr 2015 eine politische Dynamik, die verheerend enden kann. Als damals viele Hunderttausende Menschen aus von Krieg zerstörten Ländern nach Europa flüchten wollten, war die EU damit überfordert. Der Brexit-Entschluss von 51,89 Prozent der Briten hat das Ringen um Fassung nicht leichter gemacht. Spätestens seit dem britischen No zur EU vor genau zwei Jahren befindet sich die EU in einer Phase der Orientierungslosigkeit. Das Fahrrad rollt noch. Aber es beschleunigt nicht mehr. Und während es immer langsamer wird, eiert es nach rechts. Die Europäische Union steht vor einer Richtungsentscheidung, die sich in einer Frage fokussiert: Wie weiter in der Flüchtlingsfrage?

Grundsätzlich gibt es zwei Optionen: Entweder führt die Flüchtlingskrise zur Renationalisierung der Länder Europas. Dann werden alte Grenzzäune wieder dauerhaft aufgebaut und die EU wird wortwörtlich in ihre Einzelteile zerlegt. Oder Schengen erstrahlt wieder als Symbol für die Freiheit aller EU-Bürger und die europäische Integration geht weiter. Entweder. Oder. Seit Jahren wird diese Entscheidung aufgeschoben. Jetzt spitzt sie sich zu.

Die Ergebnisse des jüngsten EU-Gipfels dokumentieren diese Brisanz. Als "Herausforderung nicht nur für einen einzelnen Mitgliedstaat, sondern für Europa insgesamt" wird die Migrationspolitik in der Abschlusserklärung bezeichnet. Gelingt es dem Europäische Rat in den nächsten Monaten nicht, aus dieser Feststellung Taten zu entwickeln, wird das der Anfang vom Ende der Europäischen Union sein, wie wir sie bisher kannten.

So kann, muss es aber nicht kommen. Um die Renationalisierung zu verhindern, gibt es einen Ausweg. Er besteht in der Fortführung des Integrationsprozesses mit mehr Mut und Entschlossenheit als im vergangenen Jahrzehnt. Die EU als die Summe ihrer Mitgliedstaaten muss weiter zusammenrücken, um gemeinsame Herausforderungen zu lösen. Was ist also zu tun?