Vielleicht war ich wirklich zu lange auf der anderen Seite des Mittelmeeres, zu nah dran an wirklichen Krisen. Jedenfalls muss mir das mal jemand erklären: Da beschließen europäische Regierungen, darunter die deutsche, die europäische Festung gegen Flüchtlinge und Migranten mit Methoden auszubauen, die selbst einem Donald Trump imponieren. Gleichzeitig räuspern sich – kaum hörbar – die deutschen Minister für Arbeit, Gesundheit und Familie und erinnern daran, dass der dramatische Notstand in der Pflege nur mithilfe von Arbeitskräften aus dem Ausland zu beheben sein wird. Zunächst aus Albanien und dem Kosovo, also muslimischen Ländern. Später vielleicht auch aus Nigeria, Tunesien oder Marokko.

Mitten in der politischen Farce um Transitzonen, Ausschiffungsplattformen und sogenannte intelligente grenzpolizeiliche Handlungsansätze blinkte also kurz die längst bekannte Einsicht auf, dass Europa aufgrund seiner demographischen Überalterung auf junge Migranten angewiesen ist. Anders ausgedrückt: Auch der AfD-Wähler wird sich im fortgeschrittenen Alter damit abfinden müssen, dass womöglich eine Muslima oder ein Muslim seine Windeln wechseln wird und das Abendland trotzdem nicht untergeht.

Aber bis dahin wird eine zunehmend verbrecherische Politik betrieben, die eine einzige Flucht vor der Realität ist.

Ich habe mir im Herbst 2015 in Beirut im Fernsehen die Refugee Welcome-Partys an deutschen Bahnhöfen angesehen. Einerseits zutiefst beeindruckt vom Engagement ehrenamtlicher Helfer, ohne das die Versorgung der Flüchtlinge wohl im Chaos geendet wäre. Andererseits mit Bauchschmerzen, weil man Flüchtlinge nach einer traumatischen Flucht nicht feiern sollte, sondern versuchen muss, die Ursachen zu bekämpfen. Also eine europäische Asylpolitik, die Flucht und Migration zu einem Spiel um Leben und Tod macht. 

Flüchtlinge im Mittelmeer - Das Sterben geht weiter Weniger Menschen flüchten in die EU, dennoch fordern Politiker verschärfte Maßnahmen an den Grenzen. Flüchtlingshelfer warnen vor noch mehr Toten. Ein Überblick im Video © Foto: Aris Messinis/AFP/Getty

Im Stile eines Kolonialherren

Ich habe Anfang September tatsächlich für einen Moment geglaubt, dass diese Politik unter öffentlichem Druck ins Wanken gerät, als ein erschütterndes Bild um die Welt ging. Das Foto der Leiche des zweijährigen Syrers Aylan Kurdi, ertrunken bei der vermeintlich illegalen Flucht seiner Familie über das Mittelmeer nach Europa, angeschwemmt an einen Strand in der Türkei. "Wer sind wir? Was sind unsere Werte wirklich wert, wenn wir so etwas weiter geschehen lassen?", schrieb damals die BILD-Zeitung.

Drei Jahre später kann man diese Frage mit einer europäischen Momentaufnahme beantworten: Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán nennt Flüchtlinge und Migranten "Pesthauch", Polens starker Mann Jarosław Kaczyński "Träger von Viren und Erregern" und Italiens Innenminister Salvini hat sie unlängst als "Menschenfleisch" bezeichnet. Die Regierung Maltas hindert derzeit Rettungsschiffe von NGOs daran, auszulaufen, um in Seenot geratenen Flüchtlingen zu helfen.

Die gesamte politische Elite (samt Medien) in Deutschland brütet unterdessen über Transitzonen und Seehofers Wendemanöver, während die EU im Stile eines Kolonialherren afrikanischen Staaten Auffanglager für Migranten und Flüchtlinge aufzwingen und einen EU-Afrika-Gipfel einberufen will, bei dem afrikanische Regierungschefs wie Wachhunde mit Geld gefüttert werden sollen. Unterdessen ertrinken immer mehr Menschen im Mittelmeer. Seit Jahresanfang mindestens 1.400, allein diese Woche über 200.

Man fragt sich, welcher Vorschlag aus den Breitengraden unserer Zivilisation als nächstes kommt. Fußfesseln für alle Afrikaner im Alter zwischen 15 und 45, vielleicht.

Nein, dies ist kein Plädoyer für offene Grenzen. Dies ist auch keine Verniedlichung der innereuropäischen und innerdeutschen Gräben. Die Einheit der Berliner Regierungskoalition und die der EU existieren nicht mehr. Aber nicht aufgrund einer vermeintlichen Flüchtlingskrise. Auch wenn dieser Satz bei vielen Schnappatmung auslöst: Es gibt – bis auf Weiteres – keine Flüchtlingskrise in Europa. Es gibt auch keinen "Strom" von Menschen aus dem Süden in den Norden. 80 Prozent aller Flüchtlinge bleiben in einem Land nahe ihrer Heimat.